Al(le)s Gleichmacher, oder wie?

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Jetzt ist er fällig, der Blogbeitrag zu einem umgangssprachlichen Phänomen, das ich in letzter Zeit immer häufiger höre. Worum geht es?

„Ich war schneller wie du.“
„Meine Tochter ist schon größer wie ich.“
„Das neue Bild ist schöner wie das alte.“
„Euer Weg war länger wie unserer.“
Unglaublich viele Zeitgenossen – sowohl Hauptschüler als auch gestandene Professoren – verwenden für Vergleiche grundsätzlich das Wörtchen „wie“, also auch dann, wenn etwas gar nicht gleich ist. Wo, frage ich mich immer häufiger, ist die Konjunktion „als“ nur geblieben?

Mir liegt dann immer sofort die Verbesserung auf der Zunge. Allerdings: Bevor ich zur ersten „Klugscheißer“-Erörterung ausholte, fragte ich den Duden: Will man eine Ungleichhalt ausdrücken, verwendet man „als“, bei Gleichheit „wie“. Na bitte!

Und trotzdem: Warum richtet sich kaum einer danach? Ist das Unwissenheit, sprachliche Nachlässigkeit, oder handelt es sich um ein viel tiefer greifendes, gar psychologisches oder gesellschaftliches Phänomen? Lässt sich möglicherweise bei jemandem, der sagt „deine Probleme sind größer wie meine“ auf eine indirekte Solidarisierung schließen oder findet umgekehrt („Meine Probleme sind größer wie deine.“) der Versuch statt, die eigenen Probleme durch Vergleichbarkeit zu mildern?

Wo sprachlich Ungleichheit mit Worten der Gleichheit ausgedrückt wird, besteht womöglich unterschwellig der Wunsch, auch gesellschaftliche Ungleichheit, zum Beispiel auf Bildung bezogen, auszugleichen. Kein abwegiger Gedanke, zu dem mir eine Passage aus Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu „Bildung und Gerechtigkeit“ einfällt: „Mit angeborenen Begabungsunterschieden möchten viele Bildungsoptimisten sich nicht abfinden, vielmehr wünschen sie ein egalitäres Schulsystem, das zu möglichst egalitären Ergebnissen führt.“ (Seite 188)

Ist der häufige Gebrauch des Wörtchens „wie“ auch für ungleiche Dinge also die Offenbarung einer gesellschaftlichen Gleichmacherströmung? Thilo Sarrazin zumindest antwortet mit einem Zitat der Bildungsforscherin Elsbeth Stern: „Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau.“ (Seite 189)

Auch die Sprache kann nicht gleich machen, was in der Realität faktisch unterschiedlich ist. Und so scheint das Phänomen in der geschriebenen Sprache – Gott sei Dank – auch noch nicht angekommen zu sein.

Und doch: Zu guter Letzt findet sich im Online-Duden das hier:

Duden

Bleibt zu hoffen, dass es das nicht in die Standardsprache schafft. Sonst hätte ich es am Ende doch nicht besser gewusst wie du.

Literatur: Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, DVA, 14. Auflage, 2010

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