ARD-Woche der Toleranz – na, ja!

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Toleranz – eine schwierige Tugend, und ich glaube, dass es eigentlich keine deutsche Tugend ist. Schon die Kritik an der ARD-Themenwoche zur Toleranz zeigt, wie schwierig es ist, das Thema – vor allem wenn es um die Verschiedenartigkeit der Menschen geht – in den Griff zu bekommen. Toleranz ist und bleibt ein zweischneidiges Schwert.

Der Partner hat eine andere Auffassung von Ordnung als ich, die Freundin bringt über Jahre genau die Blumen mit, die ich nicht mag, und mein Gegenüber starrt während des Meetings unentwegt auf sein Smartphone. Muss ich das tolerieren? Ich glaube, nein. Hier ist ein klärendes Wort hilfreich, welches das Miteinander entschieden vereinfacht.

Tolerieren sollte ich, wenn der Nachbar seinen Garten nun mal nicht mit der berühmten Nagelschere bearbeitet, wenn Geschmacksvorstellungen und politische Meinungen im Freundeskreis divergieren. Wie pflegte meine Mutter immer zu sagen: „Der eine geht gern in die Kirche, der andere isst gern Bibbeleskäs.“ (Man sagt auch Bibiliskäse zur badischen Delikatesse.) Recht hatte sie! Was wäre es für ein langweiliges Leben, wenn wir alle gleich wären. Über Toleranz bräuchten wir uns natürlich nicht mehr zu unterhalten; dafür würden wir an unserer Monotonie ersticken.

Ein Taxifahrer in Wiesbaden machte mich sehr nachdenklich. Er berichtete, dass er vor 13 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen sei und diesen Schritt heute bereue. Das Warum ist schnell erzählt. Sein 19-jähriger Sohn ist ihm entglitten oder mit den Worten des Taxifahrers, ist ihm davongeflogen.

„In Afghanistan sind unsere Kinder das Kapital. Wir brauchen keine Lebensversicherung. Die Jungen sind irgendwann für die Alten da. Das ist hier ganz anders. Hier braucht man Lebensversicherungen, weil die Jungen ihrer eigenen Wege gehen. Bei uns in Afghanistan ist jeder für jeden da. Wir sprechen miteinander. Mein Sohn ist nur noch auf Facebook unterwegs. Der kennt doch die Leute gar nicht. Diese Welt kann doch das Gespräch mit den Menschen nicht ersetzen.“ Diese O-Töne ließen mich aufhorchen. Da treffen zwei Kulturkreise aufeinander, und die Verlierer sind offensichtlich diejenigen, die wie mein Taxifahrer diese verschiedenen Welten nicht angeglichen bekommen. Dabei hilft Toleranz ganz wenig. Ich glaube hier müssen zwischenmenschliche Beziehungen ins Spiel kommen: zum Beispiel eine funktionierende Nachbarschaft, Ehrenamtliche oder jeder, der ein solches Schicksal hautnah erlebt.

Unsere Gesellschaft wird immer schnelllebiger und unser Engagement für andere immer reduzierter. Da ist, so finde ich, trotz aller Kritik an einer Themenwoche zur Toleranz, ein Anstoß durchaus angebracht. Wenn das Thema zum Nachdenken anregt, wenn uns ein Schicksal wie das des afghanischen Taxifahrers plötzlich anrührt, wenn wir unser eigenes Verhalten auf den Prüfstand stellen, dann ist schon Einiges gewonnen. Verkniffen über Toleranz zu diskutieren, bringt wenig. Schließlich lässt sich alles kaputtreden. Mir würde es gefallen, wenn Toleranz doch noch eine deutsche Tugend würde.

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