Auf gute Nachbarschaft!

Ein mittel- bis langfristiges harmonisches Miteinander Zaun an Zaun oder Tür an Tür – das soll dieser Toast heraufbeschwören. Die gute Nachbarschaft ist geprägt von generationenübergreifenden persönlichen Pläuschchen im Flur oder an der Gartenhecke, von Kaffeetafeln mit dem neuesten Klatsch und Tratsch aus der Gegend, von unkomplizierten Freundschaftsdiensten und spontanen Feierabendbierchen. Sie macht das Leben in der sozialen Gemeinschaft der nahen Umgebung lebens- und liebenswert. Aber wo finden wir diese Harmonie heute noch? Irgendwie gibt es das doch alles gar nicht mehr!

Aus dieser Erkenntnis heraus muss6_Nachbarschaft wohl auch die Idee für das kürzlich in Verl ins Leben gerufene Lokalportal entstanden sein. „Jetzt verbindet sich Verl“, lautet der Slogan der Initiatoren, ein Start-up aus Kiel und die Tageszeitung „Neue Westfälische“ (NW). Das Ziel scheint klar: „Lokalportal möchte die echte lokale Gemeinschaft auf zeitgemäße Art und Weise abbilden. Auf der Plattform können sich Menschen treffen, die auch im echten Leben Tür an Tür wohnen – und sich manchmal gar nicht kennen.“ Dazu verbindet Lokalportal Nachbarn, Vereine, Initiativen und lokale Gewerbetreibende.

Nachbarschaft online neu definiert?

Lokalportal ist ein Online-Netzwerk. Es soll helfen, „das nachbarschaftliche Miteinander zu stärken und das reale Leben vor Ort noch lebenswerter zu gestalten.“ Nutzer von Lokalportal erhalten ausschließlich Informationen aus ihrem vertrauten Umkreis von 500 Metern bis 20 Kilometern – das lässt sich individuell einstellen. Durch das Zusammenkommen aller lokalen Akteure ergebe sich ein Mehrwert, den das globale Facebook so nicht bietet.

Moment mal! Wer bereits auf Facebook unterwegs ist, weiß: Hier kann man spontan – also ohne zusätzliche Registrierung – Mitglied von mindestens sieben Gruppen werden, die sich alle mit Geschehnissen in Verl auseinandersetzen, noch dazu fokussiert auf Bereiche wie „Kaufen, Verkaufen, Verschenken“ oder „Veranstaltungen“. Allein in diesen Gruppen sind mit Stand von heute 12.782 Menschen aktiv, wobei hier sicher Schnittmengen zu berücksichtigen sind.

Dennoch: Das Argument der Lokalität zieht nur bedingt. Stärkeren Einfluss dürften Datenschutzgründe ausüben: Die Daten, die man für das Lokalportal preisgibt, sollen ausschließlich in Deutschland gespeichert bleiben und unterliegen deutschen Datenschutzgesetzen. Inhalte bleiben auf der Plattform und sind nicht über Suchmaschinen auffindbar.

Lokalportal ist im Moment das einzige, zumindest in dieser Region stark beworbene Online-Nachbarschaftsnetzwerk, wohl aber nicht das einzige seiner Art. Auch andere Plattformen und Apps, wie zum Beispiel www.nachbarschaft.net, wollen Nachbarn verbinden, um den zwischenmenschlichen Kontakt zu fördern – online.

Das Internet als Retter?

Kopfkino, Klappe, die Erste: An einem schönen Frühjahrssamstag arbeiten die Leute einer Wohngegend alle in ihren Gärten. Man grüßt sich, plaudert ein wenig. Ein Nachbar baut hör- und sichtbar ein neues Gartenhaus. Am Abend wirft er nach getaner Arbeit den Grill an. Der Duft verbreitet sich verführerisch in der ganzen Wohngegend. Jetzt noch schnell ins Lokalportal eingeloggt und die Nachbarn zum Grillen eingeladen! Die kommen natürlich nur, wenn sie die Einladung im Netz wahrgenommen haben.

Kopfkino, Klappe, die Zweite: Die 90-jährige allein lebende Dame zwei Häuser weiter muss unbedingt ihren Rasen gemäht haben, und sie sucht noch jemanden, der ihr ein paar Einkäufe abnimmt. Na dann mal ran an Tablett, PC oder Smartphone und ein Gesuch abgegeben! Irgendein Nachbar wird sich sicher melden.

Kopfkino, Klappe, die Dritte: Eines Tages beobachte ich aus meinem Bürofenster, wie ein fremder Hund hinter einem Schwarm Krähen herläuft. Er findet ganz sicher so schnell nicht zurück und wird recht bald vermisst. Jetzt heißt es schnell sein: ins Lokalportal einloggen und die Nachricht von dem Ausreißer verbreiten – auch wenn der inzwischen über alle Berge ist.

Ich gebe zu: Die Beispiele sind überspitzt und stehen unter dem Einfluss meiner Erfahrungen mit dem ländlich geprägten Leben in Verl, wo wir (noch) – Gott sei Dank – weit entfernt sind von der Anonymität einer Großstadt. Dort mag die Idee, die hinter derartigen Nachbarschaftsportalen steht, gut sein – wenn es das Internet schafft, die von den Prinzipien Nähe (Hör-, Ruf- oder Sichtweite) und Spontaneität geprägte Nachbarschaft tatsächlich wieder aufleben zu lassen.

Der Weg dorthin ist keineswegs geebnet. Im Gegenteil: Die Idee impliziert sogar erst einmal, dass  Nachbarschaft nur noch digital und online stattfindet. Hinzu kommt die Konkurrenz von anderen Nachbarschaftsportalen und den eingespielten Informationswegen über die Webseiten der Vereine und Geschäfte sowie vor allem über Facebook. Am Ende bleibt der größte Wettbewerber aber das reale Leben selbst, in das sich das Digitale nicht immer ohne Hindernisse fügt.

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