Das Semikolon: ein in jeder Beziehung charmantes Satzzeichen

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Auf der Tastatur lebt es noch: das Semikolon. Foto: MSWW

Neulich, beim Korrekturlesen, ertappte ich mich dabei, ein Satzgefüge durch ein Semikolon zu strukturieren. Kurz darauf dachte ich: Wie komisch, warum macht sich der nette Strichpunkt selbst in unseren Texten so rar? Vermutlich weil er allgemein aus der Mode gekommen ist; Deppen-Apostroph, Doppelpunkt und Ausrufezeichen haben ihm längst den Rang abgelaufen. Nur Zwinkersmileys sowie Programmiersprachen gönnen ihm noch einen Hauch von Leben; sonst scheint seine Existenz akut gefährdet, weil Texte auf seine ordnende Funktion wohl locker verzichten können. Presseinformationen, Broschüren und Prospekte; Romane, Essays und Biographien; Editorials, Reportagen, Fachartikel; das World Wide Web – sie alle haben offensichtlich nur den Mut, sich zwischen Punkt und Komma zu entscheiden.

Laut Duden nimmt das Semikolon eine Mitteleinstellung zwischen Komma und Punkt ein. Es steht dann, wenn das Komma als trennende Funktion innerhalb eines Satzes zu schwach ist; es steht anstelle eines Punktes, wenn dieser zu stark trennt.(1) In größeren Satzgefügen macht es sich also gut; es kennzeichnet die Selbständigkeit der einzelnen Satzteile, betont ihre Zugehörigkeit zueinander und lässt so Freiraum für längere Gedankengänge. Treffliche Beispiele findet man bei Thomas Mann. Wer sich in die Buddenbrooks vertieft, wird schon beim Einstieg feststellen, dass keine Seite ohne Semikolon auskommt.

Noch verliebter in den point-virgule, wie die Franzosen den Strichpunkt nennen, war Marcel Proust. In seinem Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ gibt es wahre Strichpunkt-Orgien. So konnte er seitenlang präzise Beschreibung abliefern – mit den point-virgule behält der Leser stets die Übersicht.

Anstelle eines Punktes steht das Semikolon laut Duden, „wenn selbständige Sätze ihrem Inhalt nach eng zusammengehören. Dies kann auch der Fall sein, wenn Sätze verschiedene Subjekte haben.“(1) Beispiel: Das Geschirr habe ich in Frankreich gekauft; das Besteck stammt allerdings von meiner Großmutter, die es mir zur Hochzeit schenkte.

Innerhalb von komplexen Aufzählungen markiert das Semikolon Sinneinheiten.(2) So liest sich zum Beispiel der Einkaufszettel leichter; der Überblick bleibt gewahrt: Äpfel, Apfelsinen, Zitronen, Bananen; Butter und Milch; Senf, Mayonnaise und Tomatenmark.

„Zu beachten ist in jedem Fall, dass ein Semikolon grundsätzlich nebenordnende Funktion hat; es kann deshalb nie zwischen Haupt- und Nebensätzen stehen.“(2) Und klein geht’s immer weiter, falls kein Substantiv folgt. Insgesamt muss man sich nicht viel merken, um das Semikolon zu verstehen. „Duden – Richtiges und gutes Deutsch“ kommt mit gut einer Seite aus; online ist man ebenfalls mit wenigen Zeilen informiert. Andere Satzzeichen bereiten vielmehr Kopfzerbrechen – zum Beispiel das Komma; der Duden(1) widmet ihm immerhin ganze 17 Seiten.

Warum also schreiben wir so semikolonfrei? Die Franzosen für ihren Teil wittern Ungemach im Einfluss der englischen Sprache. Nüchternere Zeitgenossen (Sylvie Prioul) sehen den Tod des Semikolons im Hang der Schreiberlinge zu kurzen Sätzen und nicht zuletzt in der Mutmaßung, seine Anwendungsregeln möglicherweise nicht zu beherrschen.(3) Wie schön, dass es da noch Michel Houellebecq gibt, der in seinem neuesten Roman „Soumission“ durchaus mit dem Semikolon umzugehen weiß; auch die deutsche Übersetzung folgt, wo die Regel es zulässt, diesen Vorgaben.

Ich glaube, dass wir es verlernt oder niemals wirklich gelernt haben, mit dem Semikolon umzugehen. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, im Deutschunterricht auf dieses interessante Satzzeichen besonders hingewiesen worden zu sein. Und heute? Da muss das Schreiben schnell gehen; da geht es um Effizienz. Das Semikolon ist aber eher charmant und elegant als wirtschaftlich!

Da gibt es allerdings noch etwas. Der Artikel „Schraibm nach gehöa“ von Uta Rasche auf faz.net vom 5. März 2015 beschreibt, dass Orthographieregeln out sind, und Kinder schreiben dürfen, wie sie es nach dem Klang der Worte her für richtig empfinden.(4) Es versteht sich von selbst, dass eine solche Lehrmethode keinen Platz für Interpunktion hat und schon gar nicht für die Feinheiten der Sprache. Dem Semikolon dürfte damit der Nährboden für einen Hauch von Überlebens-Chance wohl endlich entzogen sein. Schade eigentlich, denn damit geht viel verloren: Schreibstil, Textgefühl und Freiraum, sich zu entscheiden: für Komma, Strichpunkt oder Punkt.


1 Duden – Richtiges und gutes Deutsch, Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. 7. vollständig überarbeitet Auflage, Duden Band 9, Dudenverlag, Mannheim ∙ Zürich 2011, ISBN 978-3-411-04097-1

2 http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/das-semikolon

3 http://rue89.nouvelobs.com/et-pourtant/un-appel-du-mouvement-contre-la-disparition-du-point-virgule-0

4 http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/orthographie-in-schulen-schraibm-nach-gehoea-13456654.html

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