Der Handel im Umbruch: Vom Tante-Emma-Laden zur Mega-Inszenierung

In unserer Stadt gab es früher das „Bunte Lädchen“. Es reihte sich dezent in die Fachwerkzeile einer Nebenstraße. Die Schaufenster waren so hoch eingebaut, dass ein Kind nur mit größter Mühe, sich auf Zehenspitzen reckend, hineinschauen konnte. Über fünf Stufen gelangte man hinein in einen kleinen, unterbeleuchteten Raum mit einfachen Regalen und einer alten Theke. Von innen ließ sich die Schaufensterauslage für alle bequem betrachten.

Auf den zwei schlichten Holzplatten fanden sich Unmengen kleiner Spielsachen und Dekoartikel. Manches Spielzeug ließ sich mit einem Schlüssel aufziehen und in Bewegung versetzen. Die Dekoartikel passten stets zur jeweiligen Jahreszeit, und so gab es immer etwas Neues zu entdecken. Als Kind liebte ich diesen Laden. Staunend stand ich jedes Mal davor und wusste gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. Offenbar war aber auch mein Vater derart von dem nicht sonderlich arrangierten, sondern einfach nur hingestellten bunten Treiben in dem Lädchen so fasziniert, dass wir so gut wie nie vorbei-, sondern immer auch hineingingen, mit dem Inhaber einen kleinen Plausch hielten und eine Kleinigkeit kauften. Ich erinnere mich sehr gut daran. Das war jedes Mal ein Erlebnis, obwohl hier garantiert noch niemand über die Marketing-Funktionalitäten des Verkaufens nachdachte.

Wie die Shopping-Welt heute aussieht, erlebte ich im Februar auf der EuroShop, der nach eigenen Angaben weltgrößten Messe für den Investitionsbedarf des Handels und seiner Partner. Nach fünf Tagen in Düsseldorf stand fest: Es war die größte EuroShop aller Zeiten. 2.226 Aussteller zeigten in 16 Messehallen alles, was den Handel off- wie online umtreibt. 109.000 Besucher kamen aus 110 Nationen. Ein riesiges Geschäft also mit einem milliardenschweren Investitionsvolumen.

Im Mittelpunkt standen zwei Aspekte: zum einen die Inszenierung und Emotionalisierung des Shoppingerlebnisses durch spektakulären Ladenbau, innovative Lichtkonzepte, kreative Designideen und ausgefallene Materialien, mit denen sich der stationäre Handel gegenüber dem Online-Kauf profilieren kann. Zum anderen das Thema Multichannel und damit die Integration und Verknüpfung der unterschiedlichen Kanäle: stationäres Geschäft, Web, Mobile und neueste Technologien.

Ich stürzte mich nur zwei Tage ins Getümmel. Massen von Menschen schoben sich durch die Gänge. Farben, Glitzer, grelles Licht überall, viel Bewegung, ganz selten nur etwas, an dem der Blick länger haften blieb. Lichtshows, mit lautstarker Musik untermalt, dazwischen ruhigere Töne oder Gesang, künstliche Inszenierungen, Olympia auf Großleinwand; die Beschallung überlagert sich mit dem Gemurmel der Besucher. Der Geruch von Ölen mischt sich mit dem von Backwaren oder Deftigem. Der totale Flash – wie in einer anderen Welt.

Wieder stehe ich wie viele andere staunend und auf Zehenspitzen, um Einblick zu bekommen und den Überblick zu behalten. Vieles mag trendy und richtig sein, für anderes fehlt die Vision. Wohin damit? Bleibt allen Händlern zu wünschen, die richtige Entscheidung zu treffen. Die Wohlfühlatmosphäre meiner Kindheit werde ich vielleicht nicht mehr wiederfinden. Erstrebenswert bleibt sie dennoch, wenn es um den Erlebniswert beim Shoppen geht.

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