Die Schweigespirale: Im Internet gibt es kein Eisenbahnabteil

©diegezeiten - Fotolia.com

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Manchmal wünsche ich mir, dass die Muckibude das berühmte Eisenbahnabteil wäre, mit dem Elisabeth Noelle-Neumann Öffentlichkeit zu simulieren versuchte. Dann bestünde vielleicht die Chance, dass manche Zeitgenossen Peinlichkeit empfänden und möglicherweise aus Angst vor Isolation schwiegen. Das wäre schön für mich und für alle, denen das Geschwätz allzu Mitteilsamer auf den Keks geht.

Die Theorie der Schweigespirale, die die öffentliche Meinung zu erklären versucht, beschäftigt mich, weil ich den Artikel auf faz.net „Auch im Internet regiert die Schweigespirale“ vom 26. August 2014 gelesen habe. Meine Kollegen meinten, dass ich dieses Thema in einem Blogbeitrag behandeln sollte. Schließlich sei ich infiltriert. In der Tat, ich war es! Und nach langen Jahren der Abstinenz wieder mal in die Tiefen der Kommunikationswissenschaft einzutauchen, ist ja auch einen Versuch wert.

Dreh- und Angelpunkt während meines Studiums der Publizistik am Institut für Publizistik in Mainz war eben diese Theorie der öffentlichen Meinung, die Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren formulierte, publizierte und natürlich uns Studenten intensiv vermittelte. Ihr Buch „Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut“ begleitete mich bis ins Examen. Isolationsfurcht, Last-Minute-Swing, Meinungsführer, Gatekeeper, Meinungsklima, Konsonanz und Kumulation, quasi-statische Wahrung, Eisenbahntest waren absolute Schlüsselwörter und sind selbst heute noch wie gut gelernte Vokabeln wieder präsent, wenn ein kleiner Impuls sie aus meinem Langzeitgedächtnis zutage befördert. Wir Studenten führten Ende der 1970er Jahre hitzige Debatten über die Schweigespirale, die den Einfluss der Medien betont und von einer starken Medienwirkung ausgeht.

Jetzt nach langer Zeit wieder tiefer in das Thema einzusteigen und sich vor allem damit zu befassen, ob die viel und vor allem auch kontrovers diskutierte Theorie im Online-Zeitalter überhaupt noch Relevanz hat, eröffnet einen neuen Blickwinkel auf das, womit ich mich während meines Studium beschäftigt habe. Und ich bin überrascht, dass die Theorie der öffentlichen Meinung immer noch eine Rolle in der Medienwirkungsforschung spielt.

©cecconi_94 - Fotolia.com

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Die Theorie der Schweigespirale versucht, die Entstehung und Entwicklung von öffentlicher Meinung zu erklären. Eine Hypothese ist die Isolationsfurcht, also die Furcht des Menschen, sich zu isolieren. Aus Furcht vor Sanktionen verfällt das Individuum in Schweigen. Weitere Annahmen sind die quasi-statische Wahrnehmung, wonach Menschen ständig ihre Umwelt und damit das Meinungsklima beobachten, und die Artikulationsfunktion der Massenmedien. Abhängig von diesen drei Hypothesen ist die Redebereitschaft, also die Bereitschaft des Individuums, sich zu seinen Ansichten öffentlich zu bekennen. Daraus ergibt sich die Schweigespirale: Menschen, die glauben, ihre Meinung sei in der Mehrheit, bekennen sich stärker zu ihren Ansichten. Diejenigen, die sich in der Minderheit mit ihren Meinungen glauben, verstummen aus Angst vor Isolation. In der Öffentlichkeit werden folglich die einen immer stärker wahrgenommen; wie in einem Spiralprozess scheint diese Meinung als vorherrschend wahrgenommen zu werden, ohne es tatsächlich sein zu müssen. Geeignet für die Schweigespirale sind nur Themen, die moralisch besetzt sind, bei denen es um gut oder schlecht und nicht um richtig oder falsch geht. Die Themen müssen aktuell sein und kontrovers diskutiert werden.

Was kann man mit einer solchen Theorie heute noch anfangen? Fast 40 Jahre sind seither vergangen. Massenmediale Inhalte stehen unbegrenzt zur Verfügung; das Internet ist zu einer bedeutenden Informationsquelle geworden. Der Artikel auf faz.net war mir ein wenig zu oberflächlich und das in Amerika untersuchte Thema (moralische Richtigkeit der Enthüllungen Edward Snowdens) möglichweise zu brisant, um auf eine Gültigkeit der Schweigespirale im Zeitalter des Social Web zu schließen. Schließlich gab es ja schon seit der Formulierung der Theorie der öffentlichen Meinung viel Kritik, die sich vor allem an den Bereichen starke Medienwirkung (Konsonanz und Kumulation medialer Berichterstattung), Meinungsklimawahrnehmung, Vernachlässigung von Bezugsgruppen im individuellen Meinungsbildungsprozess, Isolationsfurcht und Nicht-Berücksichtigung individueller Persönlichkeitsmerkmale festmachte.

Bei meinen Recherchen fand ich den Artikel von Lukas Böhm „Schweigespirale: Bleib mir bloß weg“, der harsche Kritik an der Theorie der Schweigespirale und an der Person von Elisabeth Noelle-Neumann übt. Na ja, Elisabeth Noelle-Neumann stand immer im Kreuzfeuer. Vielleicht gehörte sie ja auch deswegen zu den international präsentesten deutschen Kommunikationswissenschaftlern? Mein Interesse galt besonders der Reaktion eines Publizistikstudenten aus Mainz auf diesen Artikel und in diesem Zusammenhang seinem Verweis auf das Buch von Anne Schulz/Patrick Rössler: „Schweigespirale online. Die Theorie der öffentlichen Meinung und das Internet“. Eine ganz exzellente Literaturempfehlung zu diesem komplexen Thema, die auf über 200 Seiten nicht nur die Schwachstellen der Theorie aufzeigt, sondern auch auf Veränderungen in Kernbereichen der Theorie eingeht.

Das Buch überprüft die Theorie der Schweigespirale und untersucht, ob und inwiefern Prozesse der Meinungsbildung im Zeitalter des Internets durch die Schweigespirale erklärt werden können. Die Schweigespirale ist nicht tot, vielmehr stellen die Autoren fest, dass sich der Prozess der Entstehung öffentlicher Meinung durch neue öffentliche Räume im Internet verändert hat. „Die Macht der Medien verteilt sich auf eine große Zahl professioneller Akteure, die heute am Prozess der Herstellung von Öffentlichkeit beteiligt sind, und außerdem kann der öffentliche Meinungsbildungsprozess potenziell auch durch Laienkommunikation entscheidend mitgeprägt und angestoßen werden.“ (Schulz/Rössler, Seite 229). Teilöffentlichkeiten, vielfältige und konkurrierende Akteure, Subspiralen und Verlangsamung/Blockade des Schweigespiralprozesses sind nur wenige Stichworte, mit denen sich die Analyse Erklärungen und Vermutungen nähert. Die Autoren beleuchten das Thema vielschichtig und reflektieren die Aussagekraft ihrer Arbeit auch für die zukünftige Schweigespiralforschung.

Der Blick über den Tellerrand hat sich gelohnt. Wie ist die eigene Mediennutzung? Was kommuniziert man im Internet und wie äußert man sich zu aktuellen und kontrovers diskutierten Themen? Welche Bedeutung haben die klassischen Medien im eigenen Meinungsbildungsprozess? Darüber mal etwas intensiver nachzudenken, wo wir doch alle täglich mit einer Fülle an Informationen überschüttet werden, lohnt sich.

Warum allerdings der Wikipedia Artikel über die Theorie der Schweigespirale zwar ganz aktuell den Faz.net-Artikel als Einzelnachweis aufführt, hingegen das Buch von Schulz/Rössler unter den Literurverweisen verschweigt, ist für mich nicht nachvollziehbar und sehr schade. Denn jedem, der sich für das spannende Thema im Zeitalter des Internets interessiert, liefert das Buch Aspekte zur Schweigespiralforschung im Online-Zeitalter.

Übrigens stellen Schulze/Rösler fest, dass man das virtuelle Eisenbahnabteil mit dem Merkmal eines repräsentativen Abbilds der breiten Öffentlichkeit im Internet vergebens suchen wird (vgl. Schulze/Rösler S. 137). Folglich ist meine Muckibude noch weniger tauglich, einen Schweigespiralprozess in Gang zu setzen.

Literatur:

  • Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. R. Pieper & Co. Verlag, München 1980, ISBN 3-492-02536-6835-6
  • Anne Schulz/Patrick Rössler: Schweigespirale online. Die Theorie der öffentlichen Meinung und das Internet, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2013, ISBN 978-3-8487-0033-2
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