Die Zukunft der Medien bleibt spannend

Ist die Digitalisierung ein Medien-/Kulturschock? Mediengeschichtlich betrachtet ja. Dabei ist ihre Entwicklung konsequent und ihre Auswirkungen erscheinen im geschichtlichen Kontext fast normal.

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Als Gutenberg 1450 den Buchdruck erfand, galt das als Medienrevolution. Bemerkenswert ist, dass seine beweglichen Lettern in Kombination mit seiner Druckerpresse die nächsten 500 Jahre Bestand haben sollten. Eigentlich ziemlich langweilig – zumindest was den Printbereich betrifft. Mit den Entwicklungen von Telegrafie, Fotografie, Telefon, Schallplatte im 19. Jahrhundert kommt  die Ära der elektronischen Medien ins Rollen, die das 20. Jahrhundert mit Film, Radio, Fernsehen und Video prägen sollten. Und dann ging seit Ausgang des 20. Jahrhundert mit der Digitalisierung die Post ab. Computer, Internet, Email, Social Media & Co. markieren einen Prozess, der in seiner atemberaubenden Entwicklung nicht nur alle Ebenen der Medienwelt und aller Nutzer tangiert, sondern auch Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur – kurz auf alle Lebensbereich des Menschen zeigt. Wen wundert’s also, wenn das Wort Kulturschock oder Medienschock zur Diskussion steht?

Welche Merkmale gehören zu einem Medien- oder Kulturschock? Totalität – es kann sich keiner entziehen, die gefühlte Auflösung des Ordnungs- und Wertesystems sowie Irreversibilität, also Unaufhaltsamkeit oder Verselbstständigung, so mein Wissenstand nach bisher zwei Vorlesungen unter dem Titel  „Medien(r)evolution(en)“ des Instituts für Medienkulturwissenschaften/Deutsches Seminar an der Universität Freiburg.

Ja, zum Cyberspace des 21. Jahrhunderts passt der Begriff Medien- oder Kulturschock. Aber es ist nicht der erste Schock. Johannes Gensfleisch alias Gutenberg löste mit seiner Erfindung bereits einen heftigen Kulturschock aus, der die Menschen in der frühen Neuzeit zutiefst beschäftigt haben dürfte. Das Buch wurde abgelehnt, da es von der Obrigkeit und vor allem vom Klerus, bei denen die Interpretationshoheit lag, als Emanzipationsmedium gesehen wurde. Es wurde zum Beispiel vor Schreibfehlern gewarnt, die anders als bei Abschriften schnell und vielfach im Umlauf kämen. Ebenso wurde auf schädliche Inhalte verwiesen. Das gedruckte Buch und die Flugschriften – besonders letztere nutzte Martin Luther als „PR-Medium“ zur Verbreitung seiner Lehren – beschnitten die Obrigkeit in Einfluss und Macht. Die nächste Revolution bei den Druckmedien sollte das Entstehen der Zeitung im 16. Jahrhundert sein. Die Kritik war ganz ähnlich wie beim Buch: Lag zuvor das Nachrichtenmonopol bei Hof und Kirche, so entstand nun erstmals die Möglichkeit, dass sich Bürger direkt informieren konnten. Mit den elektronischen Medien beginnt eine weitere Phase, die als Medien- respektive Kulturschock charakterisiert werden kann. Eine der bekanntesten Kritiken dürfte die des Fernsehens sein, das als „Droge im Wohnzimmer“ bezeichnet wurde.

Dass die Digitalisierung aktuell das etablierte Gesellschaftssystem und seine kulturellen Werte zu bedrohen scheint, ist also gar nichts Neues. Vielmehr hat das jede neue Mediengruppe in der historischen Wahrnehmung mehr oder weniger getan. So hatte ich das bisher noch nicht gesehen und deshalb bin ich froh, dass ich mit dieser interessanten Vorlesung über Medien(r)evolutionen Gelegenheit habe, über den berühmten Tellerrand hinauszublicken. Ob die Auswirkungen der Digitalisierung die bisherigen Phasen der Revolutionen radikal überbieten werden? Sicher ist, dass die Mediengeschichte fortgeschrieben wird und die Zukunft der Medien mehr als spannend bleibt.

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