Don’t worry, be „schwarmintelligent“

„Schwarmintelligenz“ – ein Modewort, das seine Kreise zieht. Neulich las ich auf pr- blogger.de „Wie Unternehmen Schwarmintelligenz nutzen sollten“1. Buch- und Bestsellerautorin und Coach Anne M. Schüller zeigt auf, wie soziale Netzwerke funktionieren und unter welchen Voraussetzungen Unternehmen von der Schwarmintelligenz profitieren.

Das Internet respektive die sozialen Netzwerke sind prädestiniert dafür, den Terminus „Schwarmintelligenz“ bedeutungsschwanger in Szene zu setzen. Wie bei vielen modernen Schlagwörtern stellt sich aber die Frage, ob es nicht mehr darum geht, eine alte Idee neu zu verpacken.

Passen „Schwarm“ und „Intelligenz“ wirklich zusammen? Geht es nicht mehr um eine Zusammenarbeit in einer Gruppe, in der ergebnisorientiertes Handeln auf der Agenda steht? Ist das Ergebnis immer klug, innovativ und spektakulär? Und nur weil Menschen sich via Internet zu Schwärmen vernetzen, ist das noch nicht zwangsläufig intelligent.

In meiner beruflichen Praxis hatte ich es häufig mit „Schwärmen“ zu tun, deren Aufgabe es war, Projekte lösungsorientiert zu bearbeiten. Schon 1994 initiierte einer unserer Kunden einen sogenannten Partnerrat mit dem Ziel, die Produkte des Unternehmens optimal auf den Kundenbedarf abzustimmen. Der Partnerrat, der sich aus Händlern zusammensetzte, gab die gemeinsam erarbeiteten Lösungen vor und nutzte seine Einflussfaktoren zielorientiert. Bei einem anderen Kunden wurden 1996 Arbeitskreise installiert, um Themen zu besetzen. Für eine durchgängige Unternehmenskommunikation sollte der Stoff für Geschichten erarbeitet und Unternehmenskerne definiert werden. Heute würde man ehrfurchtsvoll vom Storytelling möglicherweise auch von „Content“ reden, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

„Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten, zu dem du mit deinem Wissen beitragen kannst“ liest man auf der Wikipedia-Hauptseite. Hier passen ja „Schwarm“ und „Intelligenz“ eigentlich ganz gut. Aber nach meiner Auffassung steht auch bei diesem Projekt das ergebnisorientierte Arbeiten mit dem Ziel einer Enzyklopädie deutlich im Vordergrund. Und dass nicht immer Intelligenz am Werk ist, unterstreichen die zahlreichen Löschungen, die in den Foren und Diskussionen nachverfolgt werden können.

Fast 20 Jahre verbrachte Denis Diderot mit der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, deren erster Band 1751 erschien. Diderot und sein Kollege Jean le Rond d’Alembert schrieben ihr Lexikon gemeinsam mit rund 150 Enzyklopädisten. Darunter Wissenschaftler, Anwälte, Ärzte, Handwerker und Intellektuelle der französischen Aufklärung. Voltaire und Jean Jacques Rousseau gehörten ebenso zum Autorenkreis wie Suzanne Marie de Viviens, die Schwägerin des Chevalier de Jaucourt, mit ca. 17.000 Artikeln einer der wichtigsten Mitarbeiter. Die Beiträge wurden in Auftrag gegeben; als Kommandozentrale diente die Wohnung Diderots.2 Dass die Enzyklopädisten ziemlich klug waren, steht außer Frage. Aber Diderot schrieb in seinem lexikalischen Beitrag zum Stichwort Enzyklopädie: „Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, & es den nachkommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahre nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter & glücklicher werden, & damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.“3 Ergebnisorientiertes Handeln mit dem hehren Ziel, sich verdient zu machen, so lautet die Strategie, mit dem das Projekt Encyclopédie vorangetrieben wurde. Dass Handwerker gleichberechtigt neben Philosophen im Autorenteam arbeiten durften, zeigt darüber hinaus, dass es immer auch um die richtige Methode geht, um aus dem „Schwarm“ großartige Leistungen herauszuholen.

Die Leistung der vor über 250 Jahren arbeitenden Autoren um Diderot unterstreicht, dass es „Schwarmintelligenz“ – will man partout bei diesem Terminus bleiben – schon immer gab. Dass die Encyclopédie aber tatsächlich großartig ist, verdankt sie wohl maßgeblich der gelungenen Aufgabenstellung, der klaren Aufgabenverteilung und Organisation auch der Autoren untereinander sowie ihrem Taktgeber Diderot.

Heute ist das alles einfacher. Die Zusammenarbeit hat sich im digitalen Zeitalter total verändert und verbessert. Alle können gleichzeitig an einem Projekt arbeiten. Die Interaktion läuft rasant schnell und Daten und Fakten lassen sich jederzeit von jedem Ort einsehen. Dadurch reduziert sich der organisatorische Aufwand. Trotzdem kommt man jedoch nicht umhin, ein Ziel zu definieren, eine Aufgabenstellung zu beschreiben und Methoden vorzugeben. Erst dann kann die Gruppe ihr Potenzial entfalten.

Kann, muss aber nicht, denn es gibt ja auch genügend Beispiele von blinden, dummen Massen oder dem Mensch als Herdentier. Also: Don’t worry, be schwarmintelligent greift mir zu kurz, weil alter Wein in neuen Schläuchen nur allzu oft dazu verführt, zwar begeistert, aber völlig unkritisch dem Mainstream hinterherzulaufen. Geniale respektive erfolgversprechende Projekte brauchen früher wie heute eine konkrete Aufgabenstellung, eine straffe Organisation und eine hohe Arbeitsleistung.

1 Anne M. Schüller: Wie Unternehmen Schwarmintelligenz nutzen sollten, URL http://pr-blogger.de/2014/07/14/wie-unternehmen-schwarmintelligenz-nutzen-sollten/ Stand: 14. Juli 2014

2 vergl. Diderots Enzyklopädie mit Kupferstichen aus den Tafelbänden, Anette Selg & Rainer Wieland, 1. Auflage Berlin: Die Andere Bibliothek, 2013, S. 21-39

3 Ebd., S. 134

Veröffentlicht unter Internet, Social Media | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.