Fast hätte der Papst eine Stellvertreterin gehabt

Sprachliche Ungenauigkeiten lassen schmunzeln. Die Badische Zeitung vom 15. Juli 2016 kommentierte in ihrer Kolumne „Unterm Strich“ den Fauxpas in der Pressemeldung, welche die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan rundmailte (1). Das Thema: der neue Pressesprecher Greg Burke. Offensichtlich hieß es in der Originalmeldung, Papst Franziskus habe „Greg Burke zum Pressesprecher des Heiligen Stuhls ernannt und Paloma García Ovejero zu seiner Stellvertreterin.“ Wer schnell liest, denkt an eine Sensation. Nicht nur, dass Franziskus als erster Papst einen Stellvertreter bekommt, sondern noch dazu ein taffe und hübsche 41-jährige Spanierin.

Ich hätte es ja prima gefunden mit der Stellvertreterin, aber daraus wird nichts. Denn wer genau liest, erkennt, dass sich „seiner“ auf Herrn Burke bezieht. Radio Vatikan habe das Missverständnis korrigiert, schreibt die Badische Zeitung. Das ist wohl so, weil auch im Netz keine Spuren mehr von der Originalversion zu finden sind.

© Marco2811 - Fotolia.com

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Vermutlich wurde bei Radio Vatikan schnell der Duden zurate gezogen. Hier heißt es unter Demonstrativ, Punkt 3 deren/ihr – dessen/sein: „Die Genitivformen deren und dessen verwendet man anstelle der Possessive ihr bzw. sein, wenn es Missverständnisse geben könnte“ (vgl. Duden: Richtiges und gutes Deutsch – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 7., vollständig überarbeitete Auflage, Dudenverlag Mannheim ∙ Zürich, Seite 230). Eines der vom Dudenverlag angeführten Beispiele „Ralf begrüßte seinen Freund und dessen Schwester (mit seiner Schwester könnte auch Ralfs Schwester gemeint sein).“ Jetzt die Erklärung: „Hierbei beziehen sich deren und dessen immer auf die letztgenannte Person oder Sache. In unmissverständlichen Fällen ist der Ersatz des Possessivs durch das Demonstrativ unnötig.“

Vielleicht sollte man der Dudenredaktion empfehlen, den Beispielsatz durch den Papst-Stellvertreter-Satz zu ersetzen. Das wäre ein echt saustarkes Beispiel dafür, dass der präzise Umgang mit der deutschen Sprache Missverständnissen vorbeugt.

Wie viele ungewollte Sensationen es in Pressemeldungen wohl schon gegeben hat? Sicherlich viele. Eine Recherche zum Thema wäre vermutlich sehr ergiebig und viel Amüsantes ließe sich dabei höchstwahrscheinlich auch entdecken. Aber viel wichtiger finde ich, dass es sich immer lohnt, einen Pressetext zu hinterfragen – vor allem dann, wenn man ihn selbst geschrieben hat. Die deutsche Sprache liefert viele Fallstricke und niemand ist davor gefeit, irgendwann doch in den Hinterhalt zu tappen. Eine Stellvertreterin für den Papst lässt den aufmerksamen Leser ja nur schmunzeln. Hingegen kann eine Unternehmensmeldung, welche die Beziehungen – zum Beispiel bei Unternehmenskonglomeraten – der Deutungshoheit überlässt, katastrophale Folgen haben. Die Blamage ist dabei das Geringste; der Imageverlust sicherlich schlimmer.

„Erst schlug er den Weg zum Bahnhof und dann die Scheibe bei Karstadt ein“, wie oft habe ich diesen Satz gehört, wenn meine Texte es an Präzision vermissen ließen. Das war gut und wird auch zukünftig gut sein, denn so lassen sich zumindest bei unserer Arbeit Sensationen vermeiden.

1. http://www.badische-zeitung.de/kolumnen-sonstige/unterm-strich-doch-keine-vize-fuer-den-papst–124856862.html

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