Genetischer Code der Panama Papers

Panama, schmalster Teil der mittelamerikanischen Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika, steht für so manches historische Highlight. So liegt beispielsweise der 100. Geburtstag des Panamakanals, der bis zum 31. Dezember 1999 US-amerikanische Kanalzone war, gerade mal zwei Jahre zurück.

fgeoffroy - Fotolia

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David Howarth beschrieb in seinem 1966 im Paul Neff Verlag, Wien, erschienenen Buch „Panama“ die abenteuerliche Geschichte der Landenge und des Kanals. „Es gibt auf der Erde nicht viele Gegenden, in denen sich so viel historische Ereignisse abgespielt haben, und wo so wenige Spuren geblieben sind“, resümiert der frühere BBC-Kriegskorrespondent Howarth (Seite 10) und ergänzt: „Dieser Plan (… einen Weg über die Landenge anzulegen …) entstand in dem Augenblick, da die Seefahrer des 16. Jahrhunderts von der Existenz des Stillen Ozeans Kenntnis erlangt hatten und sich sagen mussten, dass Amerika, so unwahrscheinlich es auch schien, ein Hindernis für sie war, gegen vierzehntausend Kilometer lang, aber in der Mitte nur siebzig Kilometer breit. Von da an hat diese Idee die außergewöhnliche Leidenschaft angefacht und eine unendliche Reihe von außergewöhnlichen Menschen in den Dschungel getrieben: Soldaten und Seeleute, Bankiers und Ingenieure, Politiker, Piraten, Schwindler, Spinner und Idealisten, dazu Massen einfacher Arbeiter, von denen mindestens fünfundzwanzigtausend hier, fern der Heimat, gestorben sind. Und eine Reihe von Ländern machte sich an die Weiterentwicklung der Idee: Spanien, England, Schottland, Frankreich und die Vereinigten Staaten.“

„Gold ist das Wertvollste“

Na ja, mit Blick auf die Panama Papers hat sich mit dem Elite- und Völkerandrang wohl kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Die seinerzeit angestrebte Weiterentwicklung wurde in starkem Maße befruchtet. Schon Christoph Kolumbus (1451-1506) wusste: „Gold ist das Wertvollste, was es gibt. Wer es besitzt, kann auf dieser Welt tun, was immer er will; vielleicht bringt er es mit seiner Hilfe gar zuwege, Seelen ins Paradies zu führen“ (Panama, Seite 5). Hat Panama denn nun etwas Paradiesisches? Immerhin zählten 2012 nach Erhebungen des Meinungsforschungsinstitutes Gallup die rund 3,5 Millionen Einwohner des Landes zu den glücklichsten Menschen auf der Erde. Wenn bisher auch niemand den Zusammenhang von Volksglück und Briefkastenfirmen konstruiert hat, so geben die so genannten Panama Papers den dort heute agierenden Konquistadoren ein völlig neues Image. Ganz so, als würde der altbekannte Gassenhauer „Wir haben den Kanal noch lange nicht voll“ zumindest mit seiner Einleitungszeile zu ihrer neuen Stadionhymne.

Aufgrund dieser unverblümt öffentlich gemachten Eigenschaften kritisiert die viel zitierte und vorher uns Normalbürgern völlig unbekannte Kanzlei Mossack Fonseca die Medien und stellt sich als Opfer eines kriminellen Hackerangriffes dar. Für uns PR-Schaffende erhält dieser journalistische Geniestreich eine schier unfassbare Dimension. Da haben rund 400 in der ICIJ (International Consortium for Investgative Journalists) gezielt auf einen vorab vereinbarten Veröffentlichungstermin hingearbeitet und tatsächlich zum Thema geschwiegen. Und das wohl ein Jahr lang, obwohl sicher auch noch etliche grafische Umsetzer für den perfekt getakteten Big Bang mit am Werk gewesen sein müssen.

Die halbe Öffentlichkeit

Für die PR ergibt sich daraus noch eine Lehre. Oft genug wünschen sich Auftraggeber, dass Inhalte nur einem bestimmten Empfängerkreis vermittelt werden. Wenn Aktionäre, Mitarbeiter, Kunden oder Lieferanten das Ziel sind, halten wir noch immer mit der Standard-Floskel dagegen: „Es gibt keine halbe Öffentlichkeit“. Wer Interessantes erfährt oder weiß, wird – auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit – mitteilsam. Keine PR-Agentur, ja niemand kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass die gewünschte Geheimhaltung funktioniert, wenn mehr als eine Person informiert wird. In unserer geschwätzigen Zeit, in der sich der gute alte Stammtisch zur Social Media Plattform gehäutet hat, bleibt Vertrauen häufig auf der Strecke. Vor diesem Hintergrund gilt der an den Panama Papers arbeitenden investigativen Journalistengemeinschaft große Anerkennung. Es gibt sie also doch noch, die halbe Öffentlichkeit.

Ähnliche Probleme ortete David Howarth vor 60 Jahren in seinem historischen Rückblick (Seite 290): „Die praktischen Schwierigkeiten waren endlos. Welche Personen zum Beispiel, und welche Tätigkeiten sollte Panama als für den Betrieb des Kanals unerlässlich anerkennen? Wie sollte das Zollwesen organisiert werden, wer war für die Briefmarken verantwortlich?“ Schon 1914 ging es also um Briefmarken, die natürlich heute bei hunderten von Briefkastenfirmen in Panama eine wichtige Rolle spielen.

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