Grenzwertig: Weichmacher versus investigativen Journalismus

Fotolia, Marco2811Mit dem Thema PR und Wirklichkeit befasste sich jüngst das Möbelbranchen-Blatt „inside“ (Nr. 946 vom 23.05.14). Simon Feldmer vertritt in seinem Editorial die Meinung, dass PR und Wirklichkeit immer mehr auseinanderdriften. Die amüsanten Beispiele, die er zum Besten gibt, subsummiert er unter der Headline „Moderne Möbel-PR“.

Wer sich mit dem Thema Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, muss schmunzeln. Fein beobachtet, Herr Feldmer, denn mit den beschriebenen Phänomenen kämpfen wir täglich. Da ist Überzeugungsarbeit angesagt.

Denn guter Content, wie er heute immer wieder gefordert wird, bedeutet auch, da wo es angebracht ist, Hintergründe zu liefern und die Story mit den Augen eines Journalisten zu schreiben. Fakten sind gefragt, gerade da, wo aus dem Unternehmen berichtet wird. Damit der Redakteur möglichst nicht seinen Senf dazu gibt, liefert man ihm alles das, was er wissen will. Denn alle Fakten, die nicht in der Presseinformation stattfinden, lassen sich dank Web 2.0 relativ einfach recherchieren. Ist das Puzzle dann immer noch nicht komplett, reicht oft schon der Blick ins eigene Archiv, um die Geschichte so zu komplettieren, dass sie journalistischen Ansprüchen gerecht wird. Und dann gibt es ja auch noch die sogenannten Insider, die gerne noch etwas Salz ins Süppchen geben möchten und natürlich mit ganz eigenem Wissen.

Wer seine Jubel-PRs an die Redakteurin oder den Redakteur bringen will, sollte auch mit kritischen Themen im Unternehmen so umgehen, dass er als verlässlicher, ehrlicher und stets gesprächsbereiter Partner wahrgenommen wird. Es hilft wenig, ein Unternehmen schön zu schreiben; dagegen ist es weitaus spannender, keine weich gespülten Themen zu verkaufen. Natürlich ist der Grad, auf dem gesprächsbereite Unternehmen wandeln, schmal. Es gibt einfach Themen, die nicht in die Öffentlichkeit gehören oder zumindest nicht ad hoc, da sie zunächst einmal intern abgearbeitet werden müssen. Da muss die Sensibilität und Erfahrung der Journalisten greifen, auch wenn das Wissen selbsternannter Whistleblower noch so verlockend für eine exklusive Sensationsstory ist. Und genau an dieser Stelle geht es nicht nur um Ehrlichkeit bei den Unternehmen, sondern auch um die Verlässlichkeit bei den Journalisten. Die schwierige Beziehung zwischen PR und Journalismus kann nicht allein um den Wahrheitsbegriff kreisen. Vertrauen wäre besser, denn wo vertrauensvoll zusammengearbeitet wird, wird die Angst der Unternehmen vor dem öffentlichen Pranger geringer und die Lust an konstruktiver sowie inhaltlich überzeugender PR größer. Dazu gehört auf Seiten der Unternehmen immer ein Quäntchen Resilienz oder Widerstandsfähigkeit gegen Veränderungen und Störungen.

Es gibt aber auch noch eine Seite der Medaille. Kleine Unternehmen, die es wirklich nötig haben, ans Licht der Öffentlichkeit zu treten, haben oft wenige Chancen, im Konzert der großen eine Rolle zu spielen. Auch wenn ihre Produkte oder Dienstleistungen interessant sind, ihre Werbeetats sind zu klein oder nicht vorhanden, um in den redaktionellen Teil der Branchenmagazine aufgenommen zu werden. Auch hierbei geht es nicht um Wahrheit, sondern um knallharte wirtschaftliche Faktoren. Ginge es um Wahrheit, dann müsste man den Glauben daran spätestens dann verlieren, wenn die Redaktion anruft oder e-mailt, dass die PR gerne für einen dreistelligen Obolus veröffentlicht werde, schließlich passe sie ja ganz prima zum Schwerpunktthema. Übrigens nicht typischer Möbel-Journalismus, sondern durchgängig durch viele Branchen zu beobachten.

Wo Licht ist, ist Schatten, das gilt für viele Dinge wie zum Beispiel Politik, Journalismus und PR. Und wahrscheinlich ist das auch gut so. Denn Gegensätze erzeugen Spannung, regen die Kreativität an und setzen Impulse. So sehe ich auch die PR und den Journalismus. Was wäre die eine ohne den anderen oder umgekehrt? Allerdings gibt es auf beiden Seiten noch mehr zu tun, als nur über Wahrheit zu philosophieren.

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