Heute schon ein Gabelfrühstück kuratiert? Von albernen Vokabeln und sterbenden Wörtern

Am 18. Januar war der Tag des Schneemanns. Schnee von gestern meinen Sie? Ich nicht, auch wenn der Gedenktag schon ein paar Tage her ist. In Zeiten des Klimawandels könnte der Begriff „Schneemann“ schnell in Vergessenheit geraten. Wie sollen Kinder denn noch wissen, was ein Schneemann ist, wenn man aus Schneemangel keinen mehr bauen kann?

Foto: Bianca Schmand-Hannemann

Foto: Bianca Schmand-Hannemann

Heute lernen die Kids hin- und hergerissen zwischen Ballett-, Klavier-, Geigen- und Sprachunterricht sowie Kunstkurs oder Kinderuni eher, was ein „Zeitmanagement“ ist, um im Wettlauf frühkindlicher Bildung nicht irgendwie auf der Strecke zu bleiben. Während das Wort Zeitmanagement früher Top-Managern vorbehalten war, hat es längst Einzug in die niederen Hierarchieebenen gehalten. Nach dem Motto „Früh übt sich, …“ brauchen die Kids ganz selbstverständlich ein Zeitmanagement, um es im frühkindlichen Bildungszirkus gebacken zu kriegen.

Noch mehr Vokabeln, die nerven

Da ist doch gleich die nächste In-Vokabel in meinen Text gerutscht: „frühkindliche Bildung“. Lisa Becker bezeichnet diese als „Leistungssport der Mittelschicht“. Zu diesem überstrapazierten Begriff empfehle ich ihren Artikel auf faz.net „Getrimmt und überwacht“ http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/kinder-fruehfoerderung-12963528-p2.html.

Ursprünglich waren der Begriff und sein damit verbundener Wert insbesondere auf Kinder aus sozial schwächeren Familien ausgelegt. Die überbordende Literatur zum Thema macht klar, dass der Hype um die „frühkindlichen Bildung“ wenig mit Chinesischkursen und überambitionierten Helikopter-Müttern zu tun hat.

Die Karriereleiter emporgestiegen ist auch das Wort „kuratieren“, was so viel bedeutet wie betreuen, organisieren, verwalten. Ausstellungen werden kuratiert, so steht es im Duden. Heute kuratiert jeder alles; der Kunstszene ist damit ein wichtiger Begriff abhandengekommen. In der digitalen Welt kuratiert, wer den Überblick über die Kommunikationsströme behalten will. Im Journalismus – Niggemeier und Rosenkaranz kuratieren mit „Übermedien“ den Medienschungel – legt der Begriff ebenfalls einen kometenhaften Aufstieg hin. Auch ich werde sicherlich bald mein Frühstück oder Abendessen kuratieren müssen. Das klingt doch unglaublich edel und hip, auch wenn’s nur Pommes rot/weiß sind.

Die bis an die Schmerzgrenze repetierte Vokabel „zielführend“ prägt die Diktion der Manager und Politiker. Von zielführenden Gesprächen, Verhandlungen und Konferenzen ist zu lesen oder zu hören. Eine schwammige Formulierung mit Blick auf die Bedeutungen respektive Synonyme, die der Duden auflistet: Erfolg versprechend, sinnvoll, aussichtsreich, vielversprechend – das klingt doch alles wesentlich konkreter. Unüberhörbar ist der zaudernde Unterton in der Verneinung „nicht zielführend“. Da wagt einer nicht auszusprechen, dass eine Aktion, Maßnahme oder Verhandlung sinnlos ist oder war. Na ja, besonders die Diplomatie braucht schon mal Worthülsen.

Diese Wörter werden uns fehlen

Neben diesen überstrapazierten Begriffen gibt es viele Wörter, deren Verschwinden unsere Sprache ärmer macht. Das Wort „Witz“ ist ein solches. Es bedeutet, die Gabe zu haben, sich geistreich zu äußern sowie Klugheit, Findigkeit, Schaftsinn, Verstand und Einsicht. In der Bedeutungsübersicht verweist der aktuelle Duden als erstes auf eine „prägnant formulierte, kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt.“ Viel interessanter finde ich, was der Duden in seinem Wortfriedhof schreibt: „Wer gewitzt ist, muss keineswegs auch die Neigung haben, Witze zu erzählen, aber er muss Witz haben. Und zwar im Sinne von Klugheit, Findigkeit, Scharfsinn, Geist, Verstand, Kenntnis, Wissen und Einsicht. Diese Bedeutung hatte der Witz bis weit ins 19. Jahrhundert, bis sich nach und nach jene in den Vordergrund schob, an die wir heute zuerst denken: den Scherz oder die knappe Erzählung mit humorvoller Pointe. Der Mutterwitz jedoch und der Aberwitz, das Vor-, das Irr- und das Wahnwitzige ebenso wie das Witzlose sind nur zu verstehen, wenn man vom Humoristischen absieht und das (mangelnde) Geistreiche darin erkennt.“(1)

Was mir wohl unter „Frivolitätenarbeit“ so alles eingefallen wäre, hätte ich nicht den Wortfriedhof zur Hand? Die Erklärung klingt jedoch keineswegs anrüchig, sondern eher bieder: „Occhiarbeit; eine mit Schiffchen ausgeführte Handarbeit, bei der aus kleinen, auf Fadenschlingen dicht nebeneinander aufgereihte Knoten, Bogen und Ringe gebildet werden, die zu einer Spitze vereinigt werden.“(2) Hätten Sie es gewusst? Obwohl, im Nachhinein lassen sich Zusammenhänge herstellen: Die Spitze, denkt man an Dessous oder Spitzenstrümpfe, kann sehr wohl frivol im Sinne von gewagt/verwegen sein.

Viel besser als das hippe Wort „Brunch“ gefällt mir der Begriff „Gabelfrühstück“, also das festliche zweite Frühstück. Der Wortfriedhof gibt dazu folgende Erklärung: „Das Gabelfrühstück entspricht dem französischen ‚ déjeuner à la fourchette‘ (zu déjeuner ‚Frühstück‘ und fourchette ‚Gabel‘), weil es, meist im Stehen, nur mit einer Gabel gegessen wird bzw. wurde. Es ist ein zweites, ausgiebiges Frühstück am späten Vormittag zu besonderen, festlichen Anlässen, bei dem pikante Speisen und Häppchen gereicht werden und das eine oder andere alkoholische Getränk im Angebot ist.“(3) Als Kind habe ich die Vokabel häufiger gehört, konnte mir aber nichts darunter vorstellen. Plötzlich taucht das Wort dank Dudenredaktion wieder auf und ich stelle fest, dass der Brunch gar nicht so trendy ist, da er, als Gabelfrühstück bezeichnet, schon zu meinen Kindertagen eine sehr beliebte Veranstaltung war.

Und weil die Wortschätze so schön sind, noch ein Beispiel: Galanteriewaren, die als modisches Zubehör zur Kleidung definiert werden. Heute sagen wir dazu Accessoires. Interessanterweise leitet sich der ausgestorbene Begriff vom französischen galanterie Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Liebenswürdigkeit ab; das aktuell gebräuchliche Wort nimmt gleich die französische Vokabel. Und in zehn Jahren? Sprechen wir dann wohl von „accessories“?

Gut, dass der Schneemann noch nicht auf dem Wortfriedhof liegt. Obwohl, sollte sich der Sprachfeminismus durchsetzen, die Schneefrau wahrscheinlich den -mann ablösen wird. Vermutlich werden dann nur Retro-Kinder das generische Maskulinum noch bauen. Eine skurrile Vorstellung, die allerdings mangels Masse (Schnee) gewiss ausfallen wird.


1 Duden: Wortfriedhof – Wörter, die uns fehlen werden, Dudenverlag Berlin, ISBN 978-3-411-71693-7, Seite 78

2 Duden: Wortfriedhof – Wörter, die uns fehlen werden, Seite 26

3 Duden: Wortfriedhof – Wörter, die uns fehlen werden, Seite 28

Veröffentlicht unter Fundstücke, Sprache | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.