Heute vor 25 Jahren …

Menschen, die sich – einander völlig fremd – weinend in die Arme fallen, die aus Trabbis fröhlich winken oder unbeschwert auf einer Mauer mitten in Deutschland, in einem ehemaligen „Todesstreifen“, herumklettern. Diese Bilder waren gerade am vergangenen Wochenende überall präsent. Dazu als Hintergrundmusik Westernhagens „Freiheit“. Oder beleuchtete Ballons, die in Berlin den ehemaligen Mauerverlauf nachstellen und dann nach und nach in den Himmel entschwinden. „Wir haben Ostwind“, sagte der Moderator, so dass sich der ein oder andere Ballon vielleicht bald im Westen des Landes wiederfinden würde. Also ganz ehrlich: Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen. Und natürlich kamen Erinnerungen hoch, mit der Frage, wie man selbst diesen Tag vor 25 Jahren erlebt hat.

Ich war damals 15 und lebte in dem Land, das es nun nicht mehr gibt. Meine Mutter wusste es letzte Woche noch ganz genau: Es war ein Donnerstag, als wir unseren Pachtgarten (keine Schrebergartenparzelle, sondern ein halbes Fußballfeld in schöner Umgebung mit massiv gebautem Ferienhaus) winterfest machten und die benachbarte Zahnärztin vom Balkon rief: „In Eckertal hammse de Grenze uffjemacht!“ Meine Mutter richtete sich auf und schaute ungläubig; mein Vater reagierte wenig euphorisch und murmelte irgendwas, was sich danach anhörte, als hätte er das sowieso alles schon vorher gewusst (mit dem ihm eigenen Humor und der Weisheit eines 61-Jährigen prophezeite er schon drei Jahre vorher, er würde seine Rente einmal in DM verdienen) – und ich?

Schreibend hinaus in die Welt

Ich fing damals gerade an, mir über meinen Beruf Gedanken zu machen; aber in dieser Situation damals im Garten ahnte ich nicht im Entferntesten, dass auch ich einmal mein Geld in DM, gar in Euro verdienen würde. Ich erinnere mich aber noch gut an meinen ersten Gedanken: Da brauchst Du gar nicht mehr Auslandskorrespondentin zu werden; da kommst Du nun auch so raus.

Eins vorab: Ich führte in der DDR 15 Jahre lang ein zufriedenstellendes Leben, konnte mich aber schon damals nicht an den Gedanken gewöhnen, mich nicht frei auf dieser Erde bewegen zu dürfen. In der Verwirklichung dieses Berufswunsches sah ich die Chance. Nun kam mir an diesem Tag vielleicht die Herausforderung abhanden (es sollte sich schon bald eine neue finden), aber das Ziel verlor ich so abrupt nicht aus den Augen; mein Berufswunsch blieb bestehen – ganz einfach des Schreiben willen.

Bis zum Zeitpunkt der „Schabowski‘schen Verkündigung“ besuchte ich die POS, die „Zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule“, in der wir von der ersten bis zur zehnten Klasse in einem stabilen „Klassenkollektiv“ lernten und das einen aus heutiger Sicht unvergleichlichen Zusammenhalt unter den Schülern schuf. Aufgrund einer Begabung für Fremdsprachen, die meine Eltern bei mir auszumachen meinten, wechselte ich nach der achten Klasse, also kurz vor dem Mauerfall, an eine EOS, eine „Erweiterte Oberschule“. Da die Schule vom Wohnort weiter entfernt war, wohnte ich während der Woche im Internat, in dem die staatstreue Leiterin auch noch lange nach Maueröffnung einmal in der Woche das Schauen der „Aktuellen Kamera“ anordnete und kontrollierte. Heimlich lasen wir die „BRAVO“, die in der „Zwischenwendezeit“ am Kiosk um die Ecke für „schlappe“ sechs DDR-Mark erhältlich war.

Heute vor 25 Jahren - Bild 1Meine „Karriere“ als Schreiberling hatte da schon begonnen: in der fünften Klasse betätigte ich mich als Schriftführerin und Schülerzeitungsredakteurin, und ich schrieb erste kleine Artikel in der „Volksstimme“ und der „Walze“ (Betriebszeitung des im Ort ansässigen Walzwerkes, das heute zur Salzgitter AG gehört) – immer gespickt mit den Floskeln, die man uns im Staatsbürgerkundeunterricht eingebläut hatte.

Aber circa anderthalb Jahre nach dem Mauerfall sah ich meinen Berufswunsch, Journalist zu werden und ein entsprechendes Studium angehen zu können, gefährdet. Es hieß, das Ost-Abi, das ich an der Sprachschule ablegen wollte, werde im Westen nicht anerkannt. Da war sie, die neue Herausforderung! Die Grenznähe kam zu Hilfe, und so wechselte ich nach der zehnten Klasse an ein Gymnasium im Westen, wo ich als einer von fünf „Pionieren aus Sachsen-Anhalt“ begrüßt wurde und erkennen musste, dass es mit der Sprachbegabung weit her war. Was ich in den naturwissenschaftlichen Fächern an Lernzeit sparte, investierte ich in die Sprachen.

Nach der „Wende“ schaffte es ein Ableger der Goslarschen Zeitung zumindest vorübergehend in den ehemaligen Osten und bot mir im Umfeld der neuen Pressefreiheit beste Voraussetzungen, um erst als Praktikantin und später als freie Mitarbeiterin das Rüstzeug des Lokaljournalismus zu lernen.

Über die grüne Grenze

Aber wie verliefen die ersten Tage nach der Maueröffnung für mich? Wir überstürzten nichts. Erst am 12. November 1989 stiegen wir auf unsere Fahrräder (ein Auto hatten wir bis dato nicht) und fuhren ohne Gefahr für Leib und Leben vorbei an Trabbi- und Wartburgschlangen das erste Mal gen Westen. Nachdem dank einiger Grenzbeamter die erste Hürde geschafft und das Grenzflüsschen mit dem Rad auf dem Buckel passiert war, war der Weg frei – bis zur Schlange an der Nord LB, wo wir unser Begrüßungsgeld abholen durften. Für die Einzelhändler waren wir an diesem spontan angesetzten verkaufsoffenen Sonntag leichte Beute. Das Geld blieb im Westen. Wir kauften unter anderen einen kleinen Kassettenrekorder von Panasonic, ein Kauf, zu dem ich meinen Vater mit den Worten gedrängt haben soll: „Lass uns den mal gleich kaufen, ehe er weg ist!“ Auch in den Folgejahren kam es noch zu manch unüberlegtem Spontankauf.

Fazit

Heute weiß ich, dass eigentlich alles im Überfluss vorhanden ist und dass die Gelassenheit, die meine Eltern damals im Garten an den Tag legten, nicht unangemessen war. 25 Jahre sind vergangen. Was ist übrig geblieben von dem Land, das es nicht mehr gibt, und von den Menschen, die dort einst lebten? Meine ganz persönliche Bilanz:

  • ein Gartengrundstück, für das Eigentümer aus dem Westen Ansprüche anmeldeten, das daraufhin auf eigene Kosten dem Erdboden gleichgemacht werden musste und das bis heute brach liegt
  • Eltern, die ihre Rente, die immer noch unter Westniveau liegt, in Euro beziehen
  • eine Hochschulreife, für die man sich bei entsprechenden Lehrplänen hätte ein Jahr sparen können
  • eine Tageszeitung, die aus DDR-Zeiten überlebt und sich in Sachsen-Anhalt ein Monopol aufgebaut hat und deren Verlag über die Auslagerung von Lokalredaktionen und Ressorts die Mitbestimmung untergräbt und Mitarbeiter zwingt, zu ausbeuterischen Konditionen zu arbeiten

Und nun zu den schönen Dingen:

  • eine aufgrund der genutzten Reisefreiheit entstandene und schon länger anhaltende eheliche Beziehung mit einem waschechten Westfalen ohne ernsthafte Ost-West-Konflikte
  • eine noch heute gern genutzte volkseigene Liege als Beleg ostdeutscher Möbelqualität

  • ein nach einer etwas aufwendigeren Jobsuche als zu DDR-Zeiten gefundener Traumjob in einem Team, das – abgebildet auf drei Personen – deutsch-deutsche Herkunft nicht vielfältiger abbilden könnte
  • eine FDJ-Bluse, die allenfalls noch bei einer Motto-Party oder beim Karneval zum Einsatz kommt, die aber in jedem Fall noch passt, was vielleicht auch dem Umstand zu verdanken ist, dass …
  • eine zufriedenstellende und abwechslungsreiche sportliche Durchschnittskarriere ohne Kaderdrill die Lust an der Bewegung nicht verdorben hat
  • ein großer Familien- und Freundeskreis in Ost und West ohne unangenehme Sprachbarrieren, in dessen Vokabular die Wörter „Ossi“ und „Wessi“ nicht mehr vorkommen.
  • eine Facebook-Gruppe „DDR-Kinder“ mit etwas mehr als 279.000 Mitgliedern, in der man seiner „Ostalgie“ freien Lauf lassen kann und in der sich freilich vorwiegend die schönen Erinnerungen finden.

Inzwischen wird der Ostwind sein Übriges getan und vielleicht auch gedreht haben, um die Ballons, die noch am Sonntag den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer markierten, weiterzutragen – wohin auch immer. Auch ich finde mich heute, angetrieben vom Wind aus dem Osten, im Westen des Landes wieder – mit der Gewissheit, jederzeit wieder zurück oder ganz woanders hingehen zu können.

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