Internet-Prosa: Meine letzte E-Mail

Unfassbar, was da täglich auf uns niederprasselt. Während alle Insider vom Content-Hype sprechen, tobt sich die Kreativität der Spam-Poeten in den Headlines unerwünschter E-Mails aus. Die hoffnungsvollste Mail trägt die Überschrift: „Meine letzte E-Mail“. Doch das war wohl nichts. Es geht uneingeschränkt weiter.

„Unterbrechen Sie, was immer Sie gerade tun. Dies müssen Sie sich anschauen“. In den 98 gelöschten Mails im ersten Quartal (alle aufgelaufen im t-online-Account) geht es immer um den perfiden Vorwurf, man sei zu dumm, um reich zu sein. „Menschen arbeiten Jahre daran, ein Werkzeug zu entwickeln, das Menschen hilft, ihre finanziellen Ziele zu erreichen“, heißt es da. Oder „Vorsicht! Pressemitteilung! Vom Notar getestet.“

© tashatuvango - Fotolia.com

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Die Dreistesten sagen, es sei ganz leicht, pro Stunde 2.000 Euro zu verdienen. Vertrauen will gewinnen, wer sagt, dass im Durchschnitt 2.608,48 Euro pro Tag erwirtschaftet wurden. Und die, die auf dicke Hose machen, versprechen, dass 4.000 oder gar 5.000 Euro pro Tag zu verdienen seien.

Nun ja, wer nicht täglich diesen Zugewinn machen will, kann auch auf andere Mails reinfallen. Die schüchterne Victoria schreibt „10.000 Euro warten auf Sie“, der dreiste Max hält dagegen, dass 20.000 Euro auf mich warteten. Der offensichtlich Brexit-geschädigte John behauptet: „Auf Ihrem Konto befinden sich 30.000 Euro“.

Zur Internet-Prosa gehört auch ein solcher Spruch: „Bitte entschuldigen Sie vielmals die späte Rückmeldung. Die Bestätigung des Notars war wie erwartet positiv.“ Komisch, ich hatte doch niemanden angeschrieben, auf dessen Rückmeldung ich gewartet hätte.

Trotzdem hört es einfach nicht auf und geht wie folgt weiter: „Sie können ruhigen Gewissens sofort loslegen. Die Bank hat grünes Licht gegeben. Das ist die Chance Ihres Lebens. Sie werden schon in der ersten Stunde Geld erzielen und je mehr Zeit vergeht, desto mehr Geld erhalten Sie.“

Liebe Gretas, Johns, Silas, Pias, Benedikts, Julias, Victorias, Alinas oder welche hübschen Namen Ihr sonst noch missbrauchen wollt: Hört bitte auf und seht mir bitte nach, dass ich Eure Zitate grammatikalisch sowie orthografisch überarbeitet und für die Lesbarkeit die Interpunktionsregeln angewendet habe.

So greife ich dann Evas Headline „Letzte Warnung“ gern auf und erinnere daran: Niemals klicken, wenn da steht: hier klicken. Es mag ja sein, dass man zu dumm zum Reichwerden ist. Zu dumm um reinzufallen, sollte man allerdings niemals sein.

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