Ist Zeitunglesen sexy oder nostalgisch?

Auf diese Frage brachte mich der amerikanische Schriftsteller und Radiomoderator Garrison Keillor, der mit seiner Radioshow „A Prairie Home Companion“ Geschichte schrieb. „Le Monde“ veröffentlichte 2007 unter der Rubrik „Dialogues“ ein wunderbares Aperçu (1), das sich mit den neuen Technologien einerseits und dem Zeitunglesen anderseits beschäftigt. Dass der pointierte Artikel schon neun Jahre alt ist, tut der Geschichte keinen Abbruch, denn es geht Keillor nicht um Koexistenz oder Verdrängung, nicht um gesellschaftliche oder politische Auswirkungen, sondern nur um das Zeitunglesen als Statement.

Die Zeitung, vorausgesetzt man bringt sie stilvoll zum Einsatz, ist ein Aufsehen erregendes Accessoire. So bedauert der Autor, dass den Jugendlichen im Café, deren Blick sich wie vernagelt auf das Display ihres Smartphones richtet, der stilvolle Umgang mit der Zeitung nicht beigebracht wurde. Denn im Gegensatz zu den neuen Medien ermögliche die Zeitung die volle Bandbreite eines gestenreichen Vokabulars. „Sie öffnen die Zeitung mit einer weit ausschweifenden Handbewegung, so dass das Papier raschelt. Ihre unbeirrbare Selbstsicherheit wird sichtbar, indem Sie die Seiten mit einer kurzen Bewegung des Handgelenkes umschlagen, sie überfliegen die Zwischenüberschriften, Ihre Augen tanzen über das Elend der Welt, bevor Sie sich wieder anderen Dingen widmen. … Sie falten die Zeitung zwei- oder viermal, stecken Sie unter den Arm oder schlagen sie gegen ihre Handfläche.“

Große Schauspieler wie Garry Grant mimten in ihren Rollen Coolness, und nicht selten war die Zeitung Mittel zum Zweck. Hingegen setzt Keillor den Coolnessfaktor für das Anschauen von Katzenbildern im Internet gegen null. Schlimmer noch: Der Konsument der neuen Medien ist, so der Autor, „ein Bürohengst und Handlanger“. Keillor sucht bei den Nutzern digitaler Medien nach dem Standing, das den Zeitungsleser auszeichnet. Allerdings sollten für den kultivierten Umgang mit dem Druckerzeugnis einige Regeln beachtet werden, wenn „die Zeitung es ermöglichen soll, sich ein wenig so auszudrücken, wie Coltrane es mit dem Saxofon getan hat“.

Die Dramaturgie des Zeitunglesens

© DragonImages - Fotolia.com

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Ein genialer Vergleich – die Zeitungslektüre als Ausdruckmittel oder als Komposition für ein zu beeindruckendes Publikum. Wer seine Sozialkontakte direkt und möglichst effizient beeindrucken will, braucht eine Dramaturgie. So reicht selbstverständlich ein Exemplar nicht. Denn: „Jeder, der mit vier Zeitungsexemplaren unter dem Arm Starbucks betritt, muss einfach ein Krösus sein.“ Das Aufschlagen der Zeitung sollte unbedingt zelebriert werden, danach ist keine Ablenkung gestattet, auch nicht „durch eine Blondine mit endlos langen Beinen“. Nachdem der Titel kurz überflogen wurde, geht es zum Sport, dann zu den Comics und zur Gesellschaftsseite, um schließlich mit der Politik zu enden. Zur Kunst des Zeitunglesens gehört unbedingt, einen Artikel herauszureißen, aber keinesfalls so, „als handele es sich um ein Frikadellenrezept“. Vielmehr gilt es, mit prätentiösen Gesten eine Aura des Geheimnisvollen zu kreieren. Wenn die Lektüre beendet ist, sollte die Zeitung geschlossen und achtlos beiseitegelegt werden ganz nach dem Motto: „Schluss mit den Banalitäten.“

Keillor, der am 1. Juli 2016 zum letzten Mal seine Radiosendung präsentieren wird, ist bekannt durch seine Geschichten über den fiktiven Ort Lake Wobegon, in denen er den Alltag im provinziellen Mittelwesten auf liebevolle Weise aufs Korn nimmt (2).

Das Aperçu überspitzt genussvoll, was die Hommage an die gute alte Zeitung keineswegs beeinträchtigt. Mit genialen Vergleichen und detaillierten Beschreibungen schafft es Keillor, dass der Leser das Rascheln der Zeitung buchstäblich hört. Und die sinnliche Ausstrahlung des gedruckten Mediums wird mit jeder Zeile spürbar.

In meine Begeisterung mischt sich ein Hauch von Nostalgie. In den zurückliegenden neun Jahren sind die Facetten der Selbstinszenierung durch Social Media deutlich vielfältiger geworden. Immer neue Plattformen fungieren als virtuelle Spielwiesen für grenzenlose Selbstdarstellung. Das ist nicht besonders subtil, aber effizient und wird die „Noblesse“ des Zeitunglesens schon bald ersetzen. Ich finde das ziemlich schade und werde die coolen Frauen und Männer mit den renommierten Druckerzeugnissen unter dem Arm oder auf den Bistro-Tischen vermissen. Denn ein Smartphone gewährt wenig Einblick, sendet dafür aber sekündlich atmosphärische Störungen. Beiseitelegen geht nicht, so dass die Banalitäten unser Leben mehr und mehr vereinnahmen.


 

1 Das Aperçu aus Le Monde kann im Internet nicht mehr angezeigt werden.

2 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/amerikas-heimlicher-radiostar-garrison-keillor-14244347.html

 

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