Jahresrückblick 2011: ein Jahr der Experten

Fraglos bot das hinter uns liegende Jahr eine Fülle von Anlässen, deren Aufzählung manchen Rahmen sprengt. Die TV-Sendungen sind voll davon. Sie überschlagen sich mit Katastrophen, Krisen, Neuwahlen, politischen Eskapaden, Skandalen und Nichtigkeiten. Alles gipfelt letztlich in den täglichen Talkshows, die besetzt sind mit den üblichen Verdächtigen. Sie ringen um Antworten auf die ständig wiederkehrenden Fragen, schlagen verbale Volten und reden sich um Kopf und Kragen. Das Jahr 2011 passt nun mal in keines der üblichen Schemen, die uns in den vergangenen Epochen so gern mit fertigen Lösungen aus der Schatulle voller Patentrezepte beruhigten. Einschließlich der staatstragenden Neujahrsansprachen, deren Konserven folgenlos auch schon mal verwechselt wurden. Es passte eben immer.

Man darf den Medienschaffenden sicher nicht unterstellen, dass sie nicht ahnten, wie schwer die aktuellen Ereignisse mit ihren Auswirkungen auf die nahe, mittelfristige und langfristige Zukunft einzuordnen sind. Flugs entschlossen sich die Redaktionen, ihren Frontfrauen und -männern auf den Bildschirmen fachkundige Experten an die Seite zu stellen. Vorreiter dieses Trends mag die Sportberichterstattung sein. Diese Mutmaßung darf historisch unpräzise sein. Sie zeigt aber, dass sich der häufig verbal verklausulierte Sachverstand durchaus als Stütze der eigenen Deutungshoheit eignet.

Für das Jahr 2011 boten sich gefühlte tausend Gelegenheiten, den Humus für die Berichterstattung durch eine Unzahl von Experten anzudicken. Die Kernschmelze in Fukushima förderte Hundertschaften auf den Schirm, die nicht zur Aufklärung beitragen konnten. Die nicht enden wollende Euro-Krise schuf geradezu grenzenlose Plattformen für Sachverstand ohne greifbare Ergebnisse. Der arabische Frühling rückte nie gesehene Kenner ins Licht, die durch Nichtwissen brillierten. Afghanistan, Irak, Iran, Palästina: Scherbenhaufen, die trotz wort- und bildreicher Erklärungen nur noch Experten glänzen ließen. Und jetzt noch die weltbewegende Krise der Reichen aus Osnabrück, die unserem Präsidenten freundschaftlich verbunden sind. Wie herzzerreißend, dass es auch hierfür die Expertenrunden in den Talkshows gibt.

Dieses sich immer schneller drehende Hamsterrad der medialen Niveauregulierung entwickelte sich 2011 zunehmend zum Katalysator der Politikverdrossenheit. Es wirbelte die Unfähigkeit der für die Quellen der Themen Verantwortlichen in überhöhte Sphären, legte Unvermögen zu Lösungen bloß, schleuderte Eitelkeiten zu Boden und katapultierte unser aller Anspruch auf Information in die Tonne. Durch Informationsfülle erdrückt versuchen wir krampfhaft uns der Namen zu erinnern, die uns als Experten doch weiterhelfen sollten. Wir stehen vor dem Burn out, ringen nach Luft und fassen es nicht mehr. Stresstest als das Wort des Jahres 2011 gilt nicht mehr nur für Banken.

Was bleibt, sind die guten Wünsche für das Neue Jahr. Wetten, dass … ach ja, hier fehlen noch die Experten, von denen viele bereits abgesagt haben, ohne gefragt worden zu sein. Das sollte Schule machen. Viele wären gut beraten, sich nicht als Experten ins Rennen ziehen zu lassen. Sollen doch die TV-Verantwortlichen zusehen, in welche Formate sie ihre vielen Nullinformationen im kommenden Jahr schnüren. Zu berichten wird es wieder viel geben. Mein Expertentipp: Man muss ja nicht alles sehen.

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2 Antworten auf Jahresrückblick 2011: ein Jahr der Experten

  1. Mandy sagt:

    Schöner Post, doch wo ist der Gefällt mir Button?

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