Jung & Wild, trocken

Wie ich finde ist das ein gelungene Wortkombination. Sie lässt ganz viel Raum für Assoziationen, Kino im Kopf und für eigene Geschichten. Auch die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft lassen die Gedanken fliegen.

Es bietet sich an, Emanuel Macron als „Jungen Wilden“ zu bezeichnen. Mit seiner Bewegung „La République en Marche !“ hat er es binnen kürzester Zeit geschafft, etablierte Parteien ganz alt aussehen lassen. Und nebenbei wurde er noch zum mächtigsten Mann Frankreichs gewählt. Chapeau, Monsieur       Macron! Möglichweise passt auf den neuen Star am Polithimmel auch das Attribut „trocken“. Einer der sein Ding durchzieht, ist in der Ausführung hart und genau. Ein Macher eben, der – um es mal ganz salopp zu sagen – trocken aus 20 Metern ins Tor schießt.

Der Begriff „Junge Wilde“ wird in vielen Gesellschaftssegmenten verwendet, zum Beispiel wenn von Personen oder Gruppierungen die Rede ist, die im Begriff sind, das Etablissement zu verdrängen. Die Kulturszene – Literatur, Theater und Film – bietet traditionell viel Raum für „Junge Wilde“. Im Sport werden gerne Handballmannschaften als „Junge Wilde“ bezeichnet. Passt auch prima, denn dieser Mannschaftssport hat wie kaum ein anderer das Zeug zu begeistern: mit temporeichen Spielzügen und ziemlich „trockenen Würfen“.

Wenn es ums Kochen geht, brechen die jungen Wilden gerne Konventionen zu Gunsten verrückter Kombinationen, geschmacklicher Explosionen und ungewöhnlicher Zubereitungstechniken. Der coolste und trendigste Kochwettbewerb Europas heißt „Junge Wilde“. Jedes Jahr kämpfen hier engagierte, junge Köche um den heißbegehrter Titel „Junger Wilder“. Dem Sieger, der auf Sterneniveau kochen sollte, winkt ein Praktikum bei einem der besten Köche der Welt.

Und hier schließt sich der Kreis. Meine spannende Wortkombination hat natürlich etwas mit dem Essen oder exakter mit dem, was einem perfekten Menü den letzten Schliff gibt, zu tun: dem Wein. In einem ganz wunderbaren Restaurant unweit von Freiburg stand in der Weinkarte:  Jung & Wild, trocken. Die Wortkombination zog mich magisch an, setzte Gedanken frei. Ich musste herausfinden, ob sich hinter diesen drei Worten ein Geschmackserlebnis verbarg, das irgendwie mit meiner Gedankenwelt korrespondierte.

Foto: MSWW

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Hell, ein fast blasses Gelb mit leicht grünen Reflexen, so präsentierte sich der Wein in meinem Glas. Von der Optik voll und ganz überzeugt, nahm ich den ersten Schluck, so dass sich die Aromen in meinem Mund entfalten konnten. Ja, der Wein verdiente seinen Namen. Er war dezent fruchtig, spritzig und frisch – genauso, wie ich es von einem „etwas anderen“ Wein erwartet hatte. Die Noten von Äpfeln, Citrus und Blüten passten zum Attribut jung; sein Frische und Spritzigkeit wurde durch das Attribut „wild“ bestens beschrieben. Der Wein, übrigens ein Cuvée vom Weingut Matin Waßmer in Bad Krozingen-Schlatt, hatte an diesem Abend nicht nur meine Fantasie angeregt, sondern entpuppte sich auch als perfekter Begleiter für ein gelungenes      Menü und einen wunderbaren Sommerabend im Schwarzwald.

Irgendwie wusste ich es ja schon immer:  Weinkarten sind ebenso wie Speisekarten eine wunderbare Inspirationsquelle. Skurrile, amüsante und bisweilen auch sehr ideenreiche Kombinationen und Wortschöpfungen regen die Fantasie an und machen neugierig auf den Geschmack. Schön, wenn alles zueinander passt, wie bei meinem „jungen Wilden“.

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