Kennen Sie Ahno?

Stellen Sie sich mal folgende Situation vor: Sie laufen über einen Marktplatz. Plötzlich spricht Sie ein Fremder mit Ihrem Vornamen an und sagt: „Lass uns mal miteinander reden. Mein Name tut nichts zur Sache, aber Du kannst mich ruhig ernst nehmen.“ Ein Scherz? Nein, das ist Realität. Diese Geschichte passierte mir kürzlich auf Facebook.

Ein Herr namens Ahno Nym schickte eine Gruppenanfrage und ergänzend eine persönliche Nachricht, in der er nach einer locker geduzten Anrede halbwegs plausibel begründete, warum er zur Gruppe gehören möchte. Bevor ich mich fürs „Hinzufügen“ oder „Ignorieren“ entschied, schaute ich mir erst einmal Ahnos Profil an. Geschlecht: männlich, zwei Freundinnen und die Pinnwand voller Farmville-Spielzüge. Ich habe mich fürs „Ignorieren“ entschieden, Ahno aber eine Nachricht geschickt. Es freue mich zwar, dass die Gruppe Anklang findet, schrieb ich, allerdings falle es mir schwer, mit einer Person zu kommunizieren, die sich „Anonym“ nennt. In einer weiteren Antwortmail versicherte mir Ahno schließlich, dass er ein seriöser Mensch sei, nicht in den Vordergrund treten wolle und bei Facebook nur das Nötigste mache. Bis heute bin ich Ahno darauf eine Antwort schuldig geblieben.

Ahno führt als krasses Beispiel vor, warum Kommunikation manchmal schon an der Basis scheitert. Das Interesse an dem Unbekannten schwand nicht nur, weil sich Mister Namenlos mit dem Duzen nicht an die Etikette hielt, sondern auch, weil sich zwischen seinem Reden und Tun eine riesige Lücke auftat. Die Art der Präsentation ist keineswegs seriös, wenn einer ganz offensichtlich seinen richtigen Namen nicht preisgibt. Darüber hinaus darf man sich fragen, was das Nötigste ist, was man auf Facebook machen kann. Für Ahno mag es sein, mit zwei Freundinnen Farmville zu spielen. Für mich wie für die Mehrheit der Facebook-Nutzer und für Facebook selbst bleibt aber oberstes Ziel, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsame Interessen finden und diese teilen. Voraussetzung dafür ist aber Authentizität. Das habe ich bei der ersten Beschäftigung mit dem „Web 2.0“ gelernt. Dazu mag man sich – ob nun Einzelperson oder Unternehmen – diesen Satz zu Herzen nehmen: „Verwenden Sie im Social Web keine Fantasienamen, sondern treten Sie selbst mit Ihrem richtigen Namen in Erscheinung. Verhalten Sie sich so, wie Sie sich auch offline in der Öffentlichkeit verhalten würden.“ (Annette Schwindt: Das Facebook-Buch, 2. Auflage, Seite 17).

Zugegeben, der Datenschutz bei Facebook steht nicht umsonst in der Kritik, und man tut gut daran, sich intensiv und ständig mit den Privatsphäre-Einstellungen zu beschäftigen. Auch ist eine gewisse Zurückhaltung was die Inhalte angeht sicher angebracht, aber eben nur dort. Seinen korrekten Namen sollte man schon angeben, um konstruktive Gespräche im Web nicht schon im Keim zu ersticken. Machen Sie sich also keine Gedanken, wenn Sie Ahno nicht kennen. Der will nur spielen.

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3 Antworten auf Kennen Sie Ahno?

  1. Hartwig sagt:

    Schoener Blog, gefaellt mir sehr gut. Auch tolle Themen.

  2. Alex sagt:

    Mal abgesehen davon, daß ein Realnamenszwang in Deutschland nicht rechtmäßig und deswegen die ganze Diskussion allein schon wegen der juristischen Sachlage, die immer Priorität hat, sinnfrei ist: Ich sehe das grundsätzlich anders. Wer Kommunikation daran scheitern läßt, daß jemand keinen – scheinbaren! – „echten“ Namen angibt, setzt m. E. die falschen Prioritäten. Authentizität stellt man in der Kommunikation nicht über einen „echten“ Namen her, sondern darüber, daß man in einer Gemeinschaft über einen längeren Zeitraum ein stabiles Verhalten zeigt. Es gibt viele virtuelle Gemeinschaften, in denen Pseudonymität die Regel ist. Die Leute dort verhalten sich trotzdem authentisch und nehmen einander ernst. Prominentestes Beispiel aus dem „Social Web“ ist wohl Twitter. Dort wimmelt es nur so vor Pseudonymen.

    Die Anfangs geschilderte Situation kommt übrigens häufiger vor. Zwar nicht auf dem Marktplatz, aber beispielsweise in Kneipen. Man kommt ins Gespräch, ohne sich vorzustellen, und man duzt sich je nach Stil der Kneipe auch manchmal sofort.

  3. Postgeschädigter sagt:

    Nun ja, zwei Meinungen prallen aufeinander – welche ist die richtige, wie kann man das ausloten?

    Als hier ebenso anonym Agierender kann ich dazu nur eine Empfehlung geben:
    Wer einer Gruppe beitreten möchte, der sollte sich tunlichst mit deren Gepflogenheiten vertraut machen und dieselben auch akzeptieren. Glaubt er – wobei es unerheblich ist welchen tatsächlichen Geschlechtes dieser „Er“ auch immer ist – dies nicht zu können, dann möge er sich anderswo einen Tummelplatz suchen.
    Das ist eine ganz simple Regel, die sich am grundlegenden Anstand im realen Leben orientiert. Das virtuelle Dasein hat leider alles möglich dazu beigetragen, daß die Umgangsformen von Menschen untereinander teilweise unter dem Niveau von Tieren angesiedelt sind. Ich erlebe es des öfteren, daß sich Einzelne anmaßen die Regeln einer bestehenden Gemeinschaft nach ihrem Gutdünken verändern zu wollen. Wenn man solchen Herrschaften den Zutritt verwehrt fangen sie auch noch an zu stänkern und auf ihr nicht vorhandenes Recht zur Teilnahme zu pochen. Wie krank manche Hirne sind, ist unbeschreiblich! Warum? Ich weiß es nicht!
    Die Form der Anrede ist allerdings völlig belanglos und hat nichts damit zu tun, welche „Gesprächskultur“ in einer Gruppe gepflegt wird. Siezen gilt allgemein als spießig – ein Außenstehender, der das so empfindet und dennoch Einlaß begehrt, vielleicht gar die Anwesenden durch permanentes Duzen brüskiert, beweist damit nur, daß er keine akzeptablen Manieren besitzt, keinen Anstand hat. Deswegen muß er nicht zwangsläufig dumm sein, auszuschließen ist das aber ebensowenig!

    Umgekehrt gilt das für manische Siezer die in Duzrunden eindringen wollen resp. eingedrungen sind gleichermaßen. In einer kleinen Gruppe ist es noch möglich, die Anrede zielgerichtet zu variieren – dauerhaft praktikabel ist das nicht wirklich weil ein Neuzugang damit nur Orientierungsprobleme bekommt.

    Meine persönliche Meinung zu Klarnamen: Unbeschadet der Rechtslage bin ich auch dafür, daß in geschlossenen Gremien mit dem Realnamen agiert wird. Auf all das, worauf Gurgel & Co. zugreifen, sollte man sich dies dreimal überlegen und wer bei Facebook & Co. öffentlich mit dem Realnamen aufzutreten müssen glaubt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! Aber wie gesagt, daß ist meine Sicht der Dinge und ich weiß weder wie Facebook und der übrige Rest wirklich funktioniert bzw. wozu es gut sein soll, noch habe ich einen dieser Dienste es jemals angewählt und werde das auch nie tun. Mir fehlt nichts – darum suche ich nicht nach etwas unbestimmtem 🙂

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