Kommunikation 1.0: Raus aus dem Alltag

Vor mir der durch Windows 10 aufgehübschte Monitor. Also: Blick frei für Mails und Blogs; für den Durchblick zur Welt, zu seriösen News, verschwurbeltem Gefasel und zu den von Heuchlern als schön gepriesenen Porträtfotos. Dazu Tag für Tag das Einerlei der sich permanent wiederholenden Statements der Opinion-Leader. Blick frei aber auch für das eigene Manuskript, geboren aus der die Kollegin quälenden Transkription der im Video aufgezeichneten Interviews.  Arbeitsalltag eben, der nach Abwechslung schreit.

Deshalb sollte man sein Gehirn gelegentlich im wahrsten Sinne des Wortes einfach nur wandern lassen. Ganz so, wie es schon Friedrich Nietzsche in Ecce Homo als spöttischen Tipp den in ihren stickigen Kammern hockenden Denkern des Deutschen Idealismus empfahl: „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“

Datei: #30372516 | Urheber: arsdigital | Fotolia

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Gedacht, getan! Ab ins Auto. Navi auf 417 km nördlich programmiert. Während der Fahrt mehrere Telefonate zur Neuinstallation des PC’s beantwortet. Gelobt sei, was gesichert ist. Dann Einchecken in dem mit einer Seniorenresidenz verbundenen Hotel mit dem schönen Namen Collegium Leoninum. Ab in die Altstadt zur Geburtstagsparty. Hinein in eine gemischte Gesellschaft zwischen 15 und 80+, die herausfordert.

Wenn man so will, traf sich eine Gruppe von Facebook-Freunden. Manche, wie die Gastgeber, kennt man persönlich. Andere, wie die Verwandten, sowieso. Fremde, die unbekannterweise Freunde sind und in der Wirklichkeit nicht fremdeln, um aufeinander loszugehen, und nicht abblocken, wenn man Kontakt aufnimmt. Sie antworten, nehmen Stellung und beleben die Diskussionen.

Dazwischen als Überraschungsgast „Allemann Male“. Ein Kneipenfaktotum, der – wie Insider wissen – 84-jährig Gäste porträtiert, kontaktfreudig hereinschneit und seine sozialen Kontakte über alles liebt. Respekt vor diesem großen Charakter.

Das Gros der Gäste passt zur Generation des 1976 geborenen Geburtstagskindes. Und sie bieten mehr als die üblichen Themen der Kinderziehung. Nun gut, ein karriereorientierter Mann lobt seinen Plan, Elternzeit nehmen zu wollen. Auch das gibt es. Ganz stark dagegen die meinungsfesten Frauen. „Mach, was Dir Freude macht!“ oder: „Familie ist wie sie ist, Freunde sind anders!“ Und der Jüngste in der Runde: „60 ist nicht alt, alt ist man ab 75.“ Na ja, akzeptierte Meinungsfreiheit auch für die Jüngsten.

Und noch etwas bleibt in Erinnerung. Unter den rund 30 bis 40 Gästen blitzten nur zwei bis drei Smartphones auf, um Bilder zu zeigen. Mehr nicht. Auch die natürlich präsenten IT-Fachleute liebten ihre Online-Abstinenz. Sie diskutierten sozusagen im Stil der Kommunikation 1.0.

Was für ein bereicherndes Erlebnis. Es tut unheimlich gut, die Fesseln des Alltags abzulegen, Aufgaben zu vergessen, Termine aufzuschieben, zuzuhören und Fragen beantwortet zu bekommen. Unglaublich lehrreiche Stunden, die länger nachwirken als abstruse Online-Diskussionen. Auch dann, wenn man wieder zurück am Desktop ist und die Kommunikation wieder auf Version 4.0 umschaltet. Frei nach Nietzsche: „Mitfreude, nicht Mitleiden macht den Freund.“

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