Leere Flaschen für die Pädagogik

Heute mal ein Stück aus dem Leben und zwar ganz ohne Social Media Hype, Kommunikationstheorien oder Wortklaubereien mit germanistischem Hintergrund. Nur mal so. Und doch mit pädagogischer Attitüde. Also los!

Wir alle mutierten vom menschlichen Normalzustand zu peniblen Mülltrennern. Dabei werden wir überwacht, kontrolliert und in den Senkel gestellt, wenn der grüne Punkt uns manchmal vor den Augen verschwimmt. Mehr noch: Uns fehlt etwas im Leben, wenn wir auf das Happening am Leergutautomaten im Getränkemarkt verzichten müssten. Hier stehen wir Schlange, fühlen uns umweltbewusst und freuen uns über den zusätzlichen Verdienst am Monatsende, wenn der integrierte Printer den Pfandgutschein wie einen Lohnzettel ausspuckt.

Bis dahin gilt es aber, Etappen zu ertragen. Alles starrt auf das, was Vordermann oder –frau so alles trinkt. Lebensweisheiten spülen durch den Kopf. Eine Frau, die trinkt, ist trotz aller Emanzipation immer noch schlimmer, als ein Mann der säuft. Aber das trifft es gar nicht. Die gläsernen Umhüllungen der harten Alkoholika nimmt der Automat ohnehin nicht an. Alles ganz harmlos, was sich da vor einem türmt.

Aber Schluss mit harmlos! Die aufregendsten Trinkergeschichten verbergen sich in den riesigen Tüten, Beuteln, Taschen und Kartons. Die auf Wertstoff versessenen Leergutsammler horten immense Mengen an PET-Flaschen, die einst mit schlabbersüßem Zeug offensichtlich den täglichen Zwei-Liter-Trinkzwang erträglich machten.

Und dann passiert am Leergutautomaten Unfassbares. Der dreikäsehohe Filius wuchtet sich unterstützt vom Vater in den Einkaufswagen. Schließlich braucht er diese Höhe, um den Einfüllschacht zu erreichen. Ausgereckt und gestreckt, bis das Hemd aus der Hose rutscht, bugsiert er mit seinen kleinen zittrigen Händchen die Flasche in den Leergutschlucker. Und dann die nächste und die nächste und noch eine. Gutes sonores, väterliches Zureden hilft, damit die Geduld nicht mit in den Orkus rutscht.

Die sich nach hinten verlängernde Schlange liebt das. Sie müssen mit ähnlicher frühkindlicher Erziehung groß geworden sein. Anders lässt sich nicht erklären, was Mülltrenner aushalten. So wird geplaudert, gesimst, gegrinst oder schlicht nur gedankenversunken gedöst.

Wie ein Tinnitus-Ton drängt sich die Frage in mein Ohr: „Sie haben wohl keine Kinder?“ Doch, habe ich. Aber damals gab es noch keine Leergutautomaten. So bleibt nur die Hoffnung, dass sich ein findiger Marktleiter eines Tages eine Überholspur für alle einfallen lässt, die nicht am Leergut ihre pädagogischen Ambitionen austoben wollen. Es wäre ein Lebensmoment voller Glücksgefühle.

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