Lesen im Minutentakt

© georgejmclittle - Fotolia.com

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WPM liegen im Trend. Nein, es handelt sich nicht um sogenannte Wahlpflichtmodule an Universitäten, sondern schlicht um den neudeutschen Begriff „Words per minute“, der so viel wie Lesegeschwindigkeit bedeutet. Die Angabe der wahrscheinlichen Lesezeit greift im Netz gerade um sich.

Durchschnittliche Leser, so ist auf Wikipedia nachzulesen, erfassen 200 – 240 WPM. Das ist natürlich nur ein Richtwert. Was für den frühen Vogel auch schon morgens klappen mag, kann für die Eule beim morgendlichen Check der News aber eher eine Herausforderung bedeuten.

Sei’s drum: Immer mehr Nachrichtenanbieter im Netz versehen ihre Artikel mit einer ungefähren Lesedauer. Informationen über die anstehende Wahl in Frankreich  – zwei Minuten. Die Rezension über ein neues Buch – vier Minuten. Die Abhandlung eines gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Themas – sechs und mehr Minuten.

Das ist doch ganz praktisch. So lässt sich die Zeit richtig einteilen. Schließlich weiß man ja auch im Vorfeld, wie lange ein Fernseh- oder Kinofilm dauert. Die Konzentration auf eine einzige Sache ist ein rares Gut geworden. Da buhlen die Social-Media-Plattformen ebenso um unsere Aufmerksamkeit wie die zahlreichen Newsfeeds. Dazwischen berieselt uns mehr oder weniger dezent die Werbung, die glaubt, sich unsere digitale Präsenz immer und überall zu Nutze machen zu müssen.

Womöglich ist es einfacher, sich auf eine Sache zu konzentrieren, wenn man genau weiß, wie lange man dafür braucht. Man lässt sich auf das Thema ein und klingt genau für diese Zeit die vielen anderen Dinge aus. Oder man markiert sich den Artikel, um ihn später zu lesen oder- und das passiert mir leider doch recht häufig – man widmet sich wieder dem Tagesgeschäft und verzichtet darauf, sein Wissen mit interessanten Informationen anzureichern.

Natürlich gibt es auch Möglichkeiten seine WPM-Performance zu verbessern. Speed Reading, Power Reading oder Scan Reading heißen die Lesetechniken, die sich erlernen lassen, ohne dass das Textverständnis dabei auf der Strecke bleibt. Die Kurse, die im Internet angeboten werden, belegen, dass schnelles Lesen gefragt ist. Bei der Fülle an Informationen, die täglich auf uns hereinprasseln, sicherlich keine dumme Idee, mal an einem solches Seminar teilzunehmen.

Fürs Genusslesen, fürs Kino im Kopf oder zur Beurteilung von Schreibstil und Sprachwitz eines Autors halte ich das Lesen im Minutentakt jedoch für gänzlich ungeeignet. Ich möchte nicht darauf verzichten, mich in einem Buch festzubeißen, Seite um Seite in das Schicksal der Protagonisten einzutauchen und meinen eignen Gedanken nachhängen. Und so hoffe ich, dass die Angabe der durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit – zumindest auf den Buchdeckeln – noch lange auf sich warten lässt.

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