Like or dislike – das Ende der Kuschelwelt

© twinsterphoto - Fotolia.com

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Nun arbeitet Facebook offensichtlich an der Entwicklung einer Alternative zu dem kuscheligen „Gefällt mir“-Button. Ob Urlaubsfotos, Selfies, Essen und Trinken: Millionenfach gibt es „Likes“, die alles Mögliche aussagen. Selbst Promis, die mehr oder weniger aussagekräftig bei Facebook unterwegs sind, lieben vordere Plätze im Ranking. Aber auch Unternehmensauftritte zählen die „Gefällt mir“-Klicks. Zeigen sie doch angeblich den Anerkennungswert für Marken und Namen, wobei – nicht zu vergessen – gute oder schlechte Noten für die SM-Manager herausspringen.

Doch das Portal kann sich kaum vor Missbrauch schützen. Hasstiraden, Verunglimpfungen und Beleidigungen zeigen, wie schnell das Netzwerk für die Multiplikation von Meinungsmüll und strafrechtlich relevanten Appellen sorgt. Kann Facebook so etwas wirklich unterbinden? Darf Facebook zensieren und löschen? Die Fehleinschätzung, Facebook in all diesen Fällen als schuldig anzuprangern, ist eher populistisch als gut begründbar. Der Schuldige ist und bleibt der Autor. Ihn ausfindig zu machen, ist leichter, als einen Fahrraddieb zu stellen. Die Autoren jedoch rechtlich zu belangen, dürfte letztlich zu einem Mengenproblem der ohnehin überlasteten Justiz werden.

Wer jetzt dem Gründer von Facebook, Mark Zuckerberg, vorwirft, sein Denken sei beschränkt, falls er nur die Variante eines „Dislike-Buttons“ überlegen sollte, verfehlt die Realität. Die Plattform zielt allein auf die Quantität seiner Nutzer. Ihre digital auswertbaren Daten begründen den Firmenwert. Die populistische Forderung, so berechtigt sie auch sein mag, jetzt von Facebook menschliche Intelligenz zu fordern, um unliebsame Beiträge zu löschen, wird nicht funktionieren. Man stelle sich nur vor, dass Facebook in über 80 Sprachen weltweit bei rund 1,5 Milliarden Nutzern zum Alltag gehört. Darunter vermutlich genug unterschiedliche Kulturen und Regime, die sich Zensuren zu den verschiedensten Themen wünschen könnten. Facebook wird das, was deutsche Regulierer fordern, kaum leisten können.

Der auf Facebook zielende öffentliche Druck wird vermutlich nur eine Lösung hervorbringen, die zum Algorithmus der künstlichen Intelligenz passt. Zählbaren und auswertbaren Klicks auf den „Like“-Button könnte vermutlich schnell ein ebenso nutzbarer „Dislike“-Button an die Seite gestellt werden. Von Anfang an fehlt die Möglichkeit, beispielsweise RIP-Meldungen anteilnehmender zur Kenntnis zu nehmen, als diese mit einem „Gefällt mir“ zu goutieren. Andere Beispiele, zu denen ein „Gefällt mir“ auch bei größter Toleranz nicht passt, ließen sich unbegrenzt aufzählen.

Sind diese Fälle aber durch einen „Gefällt mir nicht“-Button aufzufangen? Das ginge kräftig daneben. Die Welt ist nicht allein durch Gut und Böse, gefällt mir oder gefällt mir nicht mathematisch zu entschlüsseln oder einzustufen. Alle, die jetzt lautstark nach dem „Dislike“-Button rufen, rufen die Geister, die man nicht mehr loswird. Zu vielfältig stellen sich die Interpretationsmöglichkeiten dar, was denn nun „nicht gefällt“. Message, Bild, Text können ebenso gemeint sein, wie die vielfachen grammatikalischen und orthografischen Verfehlungen, die nicht allein durch automatisierte Rechtschreibkorrekturen erzeugt werden.

Eine andere Bewertung könnte die Unternehmen treffen, die Facebook als neue Plattform für die eigene Imagebildung entdeckt haben und zunehmend nutzen. Gegen eine möglicherweise schnell wachsende Anzahl von „Dislike“-Klicks würde auch eine SEO-Einbindung nichts mehr ausrichten können. Die Strategen bei Facebook dürften sich auch darüber im Klaren sein, dass ein derartiges „Bewertungsforum“ das eigene Geschäftsmodell in Frage stellen würde.

Bleiben wir doch dabei, dass die schöne Welt von Mark Zuckerberg, in der einem nur etwas gefallen darf, uns bereits bestens geregelt hat. Die „Gefällt mir“-Angaben zu einer Seite werden als „Fans“ gezählt. Die „Gefällt mir“-Klicks zu Urlauben und exotischen Mahlzeiten darf man gern als „Neider“ auszählen. Die „Gefällt mir“-Apologeten zu Meinungen aus dem Club der chronisch Entrüsteten vermitteln den mengenmäßig zählbaren Applaus. Und Cat-Content folgt ohnehin eigenen Regeln.

Was die Diskussion um like or dislike vergisst, ist die Wertung der Kommentare. Sie bieten mehr, sind differenzierter, spiegeln die Meinungsvielfalt wider. Aber genau das ist noch durch keinen Algorithmus erfassbar. Oder doch?

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