Macht XING Küchenansager zu Journalisten?

Der Name XING bedeutet auf Chinesisch „es funktioniert“, „es klappt“ (Wikipedia.org/wiki/XING). Das gleichnamige Karriere- und Business-Netzwerk hat sich inzwischen im deutschsprachigen Raum ganz gut neben dem international orientierten LinkedIn etabliert. Das hat schon mal geklappt, würde ich sagen. Aber wie funktioniert es tatsächlich mit der Abstimmung des individuellen Profils auf die Angebote und Gesuche der Branche, in der man angesiedelt ist?

Als Redakteurin in einer PR-Agentur kreist in meinem XING-Profil alles um die drei Begriffe „PR, Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus“. Da wäre es nur logisch, wenn sich auch die Plattform bei den „Jobs, die mich interessieren könnten“ (unter Stellenmarkt/Übersicht), daran orientiert. So viel zur Theorie. In der Praxis jedoch kommen solch abstruse Vorschläge wie „SAP Berater Retail“, „Multistore Owner für marktführendes Pizza Delivery Konzept“, „Fund Manager Retail“, „Key Account Manager Asset Management/Investoren“ oder – und dieses Stellenangebot erregte kürzlich meine besondere Aufmerksamkeit – „Küchenansager/in bzw. -Annonceur und Unterstützung der Nachmittagsküche m/w.“

Nicht nur, dass dieses Angebot frei von vermeintlich attraktiven englischen Schönerungen ist; ich fühlte mich auch sogleich zurückversetzt in die Zeiten, als ich in der Lokalredaktion einer Tageszeitung das journalistische Handwerk lernte. Damals prägte Henri Nannen, der Gründer und langjährige Chefredakteur des Stern, den Begriff des Küchenzurufs, der immer dann hilfreich war, wenn einem keine prägnante Überschrift oder keine Einstiegssätze einfielen.

Senior couple spending the morning together

(c) Fotolia.de – WavebreakmediaMicro

Was steckt dahinter? Man stelle sich vor, dass Opa Ücke gerade einen Artikel über einen komplizierteren Sachverhalt in der Zeitung gelesen hat und nun seiner in der Küche hantierenden Frau Erna in zwei bis drei Sätzen erklärt, worum es geht. Der Küchenzuruf gibt also exakt die zentrale Aussage des Textes wieder und beantwortet die Frage, warum jemand einen Artikel lesen sollte.

Jetzt lässt sich meine Überraschung über das Stellenangebot, das ich unter der Kategorie „Journalismus“ vermutete, sicher gut nachvollziehen. Die suchen jemanden, der zumindest halbtags, also vorzugsweise am Nachmittag, allein dazu da ist, Küchenzurufe zu formulieren, sozusagen am laufenden Band? Wow! In Zeiten von Social Media, die peppige Überschriften zum Generieren von Klicks fordern, doch gar nicht so abwegig, oder?

Das Erstaunen ließ beim Weiterlesen verständlicherweise schnell nach, und es machte sich die Erkenntnis breit, dass XING in diesem Punkt wohl gerade nicht funktioniert. Aber: Auch wenn das 5-Sterne-Hotel Lärchenhof in Erpfendorf tatsächlich „nur“ eine Küchenhilfskraft sucht: Der Gedanke, dass man sich auch heute noch auf den guten alten Küchenzuruf und möglicherweise auch andere klassische Arbeitstechniken des journalistischen Handwerks besinnt, gefällt mir ungemein. Damit funktioniert sicher auch moderne Social Media-Kommunikation und Multi-Chanel-Bespielung.

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