Mit 92.234 verbrauchten Kalorien genießt man keinen Datenschutz

© Gstudio Group - Fotolia.com

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An meinem letzten Tag in der Bad Oeynhausener Mucki-Bude schrieb die Trainingssoftware: „Herzlichen Glückwunsch, Du hast schon 92.234 Kalorien verbraucht.“ „Gut getimt“, dachte ich, denn in all den Jahren, in denen ich meine Muskeln allwöchentlich gestählt habe, spornten solche positiven Bilanzen immer wieder zu Leistung an. Diesmal war es etwas Besonderes, da ich umzugsbedingt pausieren muss. Na ja, nicht schlecht für einen Büromenschen wie mich. Da hat sich mein verbissener Ehrgeiz, schlaffen Muskeln und dem wenig geliebten Hüftgold den Kampf anzusagen, doch gelohnt. Aber was passiert jetzt?

Die Frage betraf in diesem Moment nicht meine sportliche Zukunft. Wie gesagt, ich bin ehrgeizig und werde bald in neuer Umgebung wieder „Punkte“ sammeln. Nein. Ich dachte in dieser Situation an den Datenschutz. Was machen die jetzt mit meinen Daten? Als ich meinen Schlüssel, der für den Start der Geräte und das Funktionieren der dahinterliegenden Software nötig ist, der freundlichen Dame am Empfangstresen übergab, sagte ich: „Ich gehe davon aus, dass Sie die Daten jetzt löschen.“ „Löschen“, entgegnete die Dame, „mhm … ich weiß nicht“, und befragte ihre Kollegin. Diese meinte, dass die Daten auf dem Schlüssel selbstverständlich gelöscht, allerdings im Rechner der Muckibude weiter gespeichert würden. Auf meinen Einwand, dass es sich ja dabei um persönliche Daten handele, und das Thema Datenschutz hier durchaus relevant sei, schauten mich die kleinen Grüppchen, die meistens um den Empfangstresen herumstehen – entweder, um ein den Muskelaufbau stimulierendes Getränk zu sich zu nehmen oder auf einen der vielen Kurse zu warten – ziemlich entgeistert hat. „Wieso Datenschutz“, konnte ich in ihren Gesichtern lesen. Auch ich muss ziemlich belämmert ausgesehen haben, denn die freundliche Dame meinte: „Das ist ja auch ein Vorteil, wenn wir die Daten speichern, dann kannst Du Dich jederzeit wieder anmelden und weißt, was Du gemacht hast. Aber wenn Du darauf bestehst, dann müssen wir mal schauen, vielleicht können wir irgendwie die Daten löschen.“

Nein, ich habe nicht darauf bestanden, weil ich in dieser Situation begriffen habe, dass Datenschutz im wirklichen Leben offensichtlich gar nicht interessiert. Scheinbar wird er nur in einer Parallelgesellschaft, den Medien, diskutiert. Die jungen Leute, die meisten von ihnen waren mindestens 30 Jahre jünger als ich, waren verdutzt, sogar erschreckt, dass Datenschutz auch etwas mit sportlicher Aktivität zu tun haben könnte.

Wahrscheinlich besteht die Kunst eines glücklichen Lebens im Digitalzeitalter darin, dass irgendwer schon für IT-Sicherheit und Datenschutz verantwortlich sein wird. Aber wer ist irgendwer? Die Politik, die Gesellschaft, Unternehmen? Natürlich, aber damit ist jeder dafür verantwortlich, weil wir politische Menschen sind, weil wir in der Gesellschaft agieren und weil wir in Unternehmen, Institutionen oder in Handel und Handwerk arbeiten. Kurz: Wir alle haben die Aufgabe, das Thema Datenschutz ernst zu nehmen – auch in Situationen, wo es auf den ersten Blick gar keine schützenswerten Daten zu geben scheint.

92.234 Kalorien klingen gewaltig und nach ganz viel Fettverbrennung. Ist es aber gar nicht! Wenn man die Zahl durch sieben teilt – solange trainiere ich nämlich schon in der Muckibude – dann ergeben sich schlappe 13.176 Kalorien pro Jahr. Ziemlich mager, wenn man einen täglichen Kalorienverbrauch von 1.500 Kalorien einrechnet. Will sagen: Das Feld für Spekulationen, Rechnungen und Vergleiche und die daraus resultieren Schlüsse ist da. Natürlich wird sich keiner für mein sportliches Engagement interessieren. Aber in einer sich rasant wandelnden Welt könnte auch mein unscheinbares „Bewegungsprofil“ schon bald ins Visier rücken. Dabei wäre die Werbebranche sicher der harmloseste Interessent.

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