Mondpreise: Eine (never) ending Story oder einfach nur wahnsinnig?

Ich erinnere mich noch genau. Als ich vor über 25 Jahren in der Agentur anfing, gab es in der Möbelbranche heiße Diskussionen um durchgestrichene Mondpreise und mit welchen Mitteln man solche bekämpfen könne. Heute gibt es zwar kaum noch Diskussionen, dafür aber immer noch jede Menge Mondpreise. Und was für welche! Die Beilage eines Möbelriesen in meiner Tageszeitung schaffte es kürzlich wegen schier unglaublicher „Angebote“ sogar auf meinen Schreibtisch und landete nicht wie üblich direkt in meinem Papierkorb.

© vege - Fotolia

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Die Zahlen, die mir da entgegensprangen, waren einfach zu gigantisch. Gleich auf dem Titel prangte „ 2.516,- 999,- Wohnlandschaft inklusive großer Stoff- und Lederauswahl“. Dann in Rot: „MwSt. 19 % geschenkt auf Möbel, Küchen und Matratzen zusätzlich Extrarabatt 5 %“ und „25 € Gutschein ab Kauf 100,- Euro“. Da fällt einem doch der Kitt aus der Brille oder? 40 Prozent Nachlass auf ein Möbel kann entweder nicht ernst gemeint sein oder ist schlichtweg unseriös mit dem Ziel, Verbraucher zu verarschen oder zivilisierter für dumm zu verkaufen. Auf den folgenden Seiten des Flyers geht es allerdings noch abenteuerlicher zu. Eine Leder-Wohnlandschaft eines zumindest den etwas älteren Lesern gut bekannten Polstermöbelherstellers wird für 2.999 statt 6.943 Euro angeboten. Das sind schlappe 43 % Nachlass. Wofür, warum? Möbelschnäppchen mit Preisnachläsen von 10 oder 20 Prozent möglicherweise auch mehr, wenn es sich um Ausstellungsabverkäufe oder um Jubiläumsverkäufe handelt, die gibt es. Aber völlig unmotiviert 40 Prozent Preisnachlass zu gewähren, kann doch nicht seriös sein.

Hierbei muss es sich um Mondpreise handeln, die den Konsumenten satte Rabatte vorspiegeln. Was Mondpreise sind, ist nicht so einfach zu definieren (siehe: http://www.absatzwirtschaft.de/ueber-verbotene-mondpreise-und-zulaessige-werbung-mit-preisvergleichen-13056/). Es ist ein schlecht regulierbarer Bereich, sozusagen eine Grauzone, in der die Grenzen zu verwischen drohen. Dazu gehört auch viel Kleingedrucktes, natürlich auch in meinem Prospekt. Fragt sich nur, wer das liest und wenn, wer nach der Lektüre weiß, worum es geht. Sei’s drum, in anderen Branchen redet man auch von Mondpreisen so zum Beispiel in der Pharmaindustrie, wo es manchmal um Unsummen für Medikamente geht, oder beim Fußball. Bei letzterem fällt dann auch schon mal das Wort Wahnsinn, wenn es um die berühmt berüchtigten Transfersummen geht.

Wahnsinnig einfallslos

Den kleinen Wahnsinn, sozusagen für Ottonormalverbraucher, liefern aber die Möbelprospekte. Eindrucksvoll ist das allemal, sonst hätte mein Flyer nicht die Steilvorlage für diesen Blogbeitrag gegeben. Auf schlichtem DIN A4-Format liefern sich Möbelgiganten Schlachten, die leider zum Imageverlust des Kulturguts Möbel beitragen und darüber hinaus mit plumpen Preisvergleichen an die Geiz-ist-geil-Mentalität der Konsumenten appellieren. Es scheint noch zu funktionieren, sonst würden nicht täglich Möbel so angepriesen wie Lebensmittel, deren Verfallsdatum schon länger abgelaufen ist. Wie lange aber lässt sich der im Internet surfende Kunde tatsächlich noch in solche verstaubten Schubladen stecken?

Ich hoffe: nicht mehr lange. Die Digitalisierung setzt den Möbelhandel zunehmend unter Druck. Leider spüren die kleinen Möbelhäuser das sich verändernde Klima zuerst, aber auch die Großen werden darüber nachdenken müssen, ob die Preisschlachten von gestern und heute auch morgen noch anspruchsvollere, aber vor allem besser informierte Verbraucher auf grüne Wiesen locken können. Möbel haben mehr zu bieten. Sie erleichtern das Leben mit intelligenten Features, sehen durch Farben und innovative Oberflächen und Materialien toll aus und bieten viel Komfort. All das und vieles mehr gilt es herauszustellen. Crossmediale Konzepte sind dabei ebenso gefragt wie Service und kompetente Kundenansprache.

Zauberformel Beratung

Möbel sind nur in meinem Flyer so langweilig, so dass sie nur über den Preis meine Beachtung finden. Tatsache ist, dass Einrichten viel Spaß macht und kreativ ist. Man braucht nur die richtige Anleitung dazu und genau das ist die Aufgabe der Möbelprofis. Damit sollte die Beratung das Pfund sein, mit dem der Möbelhandel wuchert – stationär und möglichst auch online.

Selbstverständlich spielt auch der Preis eine Rolle. Aber wenn das Produkt den Anforderungen an Qualität, Design und Komfort entspricht und noch dazu die Leistung stimmt, wird der Preis zur Nebensache. Wer wünscht sich nicht ein Rundum-Wohlfühlpaket, wenn es um das Thema Einrichten geht. Viel zu facettenreich ist das Angebot, als dass der Verbraucher es schnell und einfach überschauen könnte. Baumärkte werben heute schon damit, dem Kunden einen persönlichen Berater bei der Durchführung von Haus- und Wohnungsrenovierungen während der kompletten Projektphase zur Seite zu stellen. Das nenne ich klug und könnte eine Blaupause für den Möbelhandel sein.

Übrigens: Mein Flyer kommt jetzt zum Altpapier, also genau dahin, wo er hingehört. Auf langweilige Möbel und plumpe Werbesprüche habe ich keine Lust, auch wenn man noch so viel darüber schreiben könnte.

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