Noch einmal Fußball – dann reicht’s!

MEV Fotoarchiv

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Es reicht wirklich. Die selbsternannten Hüter des guten Benehmens gehen mir auf den Geist. Geifernd stilisieren sie den „Goucho-Tanz“ zum Skandal. Gestern war noch alles weltmeisterlich, heute ist alles schändlich. Sind wir Deutschen wirklich die Miesepeter par excellence in Europa? Bierernst, schlechtgelaunt, humorlos und uncharmant? Nach dem Aufstand in der Presse, auf Twitter und Facebook mag ich das gerne glauben.

Über guten Geschmack lässt sich selbstverständlich streiten. Aber wenn siegestrunkene Spieler, die über Wochen unter Stress, Anspannung und öffentlichem Druck standen, sich nach einem guten Turnier mit dem Weltmeister-Titel belohnen, dann darf man schon einmal ausflippen. Das kennen wir doch alle: Wenn nicht vom Sport, dann nach bestandenem Examen, einer wichtigen Prüfung oder einer tollen beruflichen Leistung, also nach langer, harter, ausdauernder und kräftezehrender Arbeit. Da fällt plötzlich alles von einem ab, man muss die neue Situation verarbeiten und verspürt ein Gefühl von überwältigender Freude. Emotionen werden freigesetzt, so dass auch das eine oder andere unbedachte Wort, ja sogar eine spöttische Geste, durchaus unkontrolliert aus dem Körper strömen können. Ich kenne das, die Mäkler der Nation offensichtlich nicht. Vermutlich marschieren sie rund um die Uhr und in jeder Situation voll kontrolliert durchs Leben. Cool, aber wie ich finde, sehr schade, denn diesen Kontrollfreaks muss eine wichtige Eigenschaft fehlen – Emotion.

Viel gelobt wurde die deutsche Mannschaft nach dem 7:1 gegen Brasilien wegen ihrer sportlichen Einstellungen, den fairen Gesten und auch dafür, dass sie die Brasilianer tröstete. Jetzt soll sie Ressentiments haben und Welteroberungsphantasien ausleben. Das ist komisch, wird sogar lächerlich, wenn man bedenkt, welche unterschiedlichen Wurzeln in dieser Nationalmannschaft zusammenspielen: Miro Klose, Lukas Podolski, Sami Khedira, Mesut Özil, Shkodran Mustafi, Jérôme Boateng. Können diese Spieler einen übersteigerten Nationalismus zeigen? Man müsste gründlich recherchieren, um herauszufinden, ob es nicht die gleichen meckernden Reichsbedenkenträger sind, die gestern noch den einen oder anderen Spieler dafür rügten, dass er seine Lippen bei der Nationalhymne nicht bewegte, und heute dafür schelten, sich über den Unterlegenden lustig zu machen. Honni soit qui mal y pense !

Ich frage mich, wer sich eigentlich schlecht benimmt? Jedenfalls nicht die Nationalelf, denn die hat ein tolles Turnier gespielt – sich glänzend und überzeugend präsentiert. Für mich sind es die Mäkler und Meckerer, die selbsternannten Hüter des guten Geschmacks, die den Bogen überspannen. Denn zum guten Ton gehört auch zu wissen, wann es reicht. Während der Fußball schon fast Schnee von gestern ist, feiern die Übellaunigen sich selbst. Deswegen mein Tipp: „Ab in den Keller, dort könnt ihr weiter meckern und gegebenenfalls auch mal heimlich lachen.“

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