Oben ohne wie die Start-ups

Schon vergessen? 2008 kürte das Deutsche Mode-Institut in Krefeld den Ex-Boxweltmeister Henry Maske als Krawattenmann des Jahres. In der Begründung hieß es: Bei ihm scheine die Krawatte immer schon ein „Kultur bildendes Merkmal zu sein und der Binder eine symbolische Verbindung einzugehen zwischen seinem sportlichen, menschlichen und modischen Stil“. Kritische Stilberater merkten seinerzeit an, dass Männer über 50 von der Krawatte längst die Nase voll hätten. Sie würden den Schlips abreißen und feierten die Befreiung ähnlich wie die Büstenhalterverbrennung in den 60er Jahren.

Diese zehn Jahre alte Revolution, die sogar zur Auflösung des amerikanischen Branchenverbandes der Krawattenhersteller mit einst 120 Mitgliedern führte, erreicht inzwischen sogar die britische Etikette. Mit blauem Sommerhütchen statt Krone auf dem Kopf und im Straßenkleid ohne Schleppe hielt vor wenigen Wochen die 91-jährige Monarchin Königin Elizabeth II. im Oberhaus ihre jährliche Thronrede. Nicht zuletzt ermunterte das auch einige Volksvertreter im Unterhaus, Undenkbares denkbar werden zu lassen. Sie legten gegen alle Konvention einfach den Schlips ab. Konservative Kollegen rügten das Verhalten erwartungsgemäß als Ungehörigkeit, obwohl eine Vorschrift zur Gewandung gar nicht existiert.

© D.aniel - Fotolia.com

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Lässige Outfits im deutschen Management verwischen dagegen seit langem hierarchische Strukturen. Längst vergessen scheinen die Zeiten, als der Schriftsteller Honoré de Balzac festhielt: „Ein Mann ist so viel wert wie seine Krawatte“. Er ahnte noch nichts von dem alles beherrschenden Trend der so genannten Start-ups. Sie sind Vorbild im disruptiven Change Management, wie man es nennt, wenn sich Unternehmen neu aufstellen müssen. Die abgelegte Krawatte mag vielleicht ein Anfang sein, ist aber noch kein überzeugendes Signal für Modernität.

Sehr hübsch beschreibt Jobst R. Hagedorn im Februar 2016 in der Zeitschrift Personalwirtschaft https://www.personalwirtschaft.de/der-job-hr/artikel/hr-trend-jung-baertig-ohne-krawatte-aber-mit-kicker.html worum es geht. „Jung, bärtig, ohne Krawatte, aber mit Kicker“ überschreibt er seinen Beitrag zum aktuellen HR-Trend. Zitat: „So verkündete der Vorstandsvorsitzende von Bosch im Dezember, dass die Zeit der Krawattenpflicht in seinem Unternehmen vorbei sei. Denn: In der Start-up-Szene gelten Schlipsträger als rückständig. Das Hemd ohne Krawatte sei ein wichtiges Signal für diese andere Kultur. So sieht’s auch Siemens-Vorstand Joe Kaeser, der kürzlich ohne Krawatte sein neues Firmenvorbild vorstellte: Start-ups.“

Und weiter schreibt Hagedorn: „Wer jetzt einwendet, die echten Start-up-Menschen hätten eine bestimmte unternehmerische Geisteshaltung, die in Großunternehmen eher nicht vorkommt beziehungsweise dort karriereschädlich ist, sollte wissen, was passiert, wenn ein Vorstand „Kreativität“ und „Innovationskraft“ verordnet. Eben! Dann wird das gemacht“.

Natürlich erheben auch die gesundheitsbewussten Zeitgenossen die Stimme. Sie berufen sich auf die Mediziner, die bei der Strangulierung durch die Krawatte vor erhöhtem Schlaganfallrisiko und grünem Star warnen, weil mangelnder Sauerstoffzufuhr nicht gut für das Gehirn ist.

Ich sehe aber noch einen ganz anderen Grund für die Schlipsableger. Der Legende nach begann die Geschichte der Krawatte mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV. Bei einer Truppenparade fielen ihm 1663 kroatische Reiter auf, die ein Stück Stoff um den Hals trugen. Das gefiel den Franzosen. Sie übernahmen die Idee und nannten es „cravate“, abgeleitet von „à la croate“. Und das, obwohl es nur ein simples Kopftuch war, das die Frau ihrem Geliebten um den Hals hängte, damit der sie nicht vergaß.

Das wäre doch auch ein Motiv für die neue Lässigkeit im Business. Wenn dann noch die Hemden stimmen und passend sitzen, bekommt Start-up eine ganz neue Dimension.

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