Offline im Wald

Über eine der letzten Herausforderungen unserer Zeit

Das Internet verbindet Menschen, aber wo ist die Verbindung zur Realität?

Erst gestern ging sie wieder vorbei: Die Nachbarin mit ihrem Hund oder der Hund mit der Nachbarin – wer da mit wem geht oder ob sie überhaupt gemeinsam gehen, erschließt sich mir nicht. Aus einem einfachen Grund: Immer, aber auch immer, wirklich ausnahmslos hat die Dame ihr Smartphone vor der Nase, wenn sie mit ihrem Hund vorbeigeht. So hat sich bei mir der Eindruck verankert, dass hier zwei Lebewesen offensichtlich zusammen unterwegs sind, sich aber in zwei völlig verschiedenen Welten bewegen.

Im Zeitalter des Smartphones wird ja viel diskutiert über die richtige Dosis des Onlinekonsums – nicht nur bei Kindern. Auch wir Erwachsene merken zunehmend, dass uns die digitale Welt bis in den letzten Winkel verfolgt. Smartphones, die online sind, markieren da den vorläufigen Höhepunkt einer höchst problematischen Entwicklung. Sie rufen ständig Informationen und Nachrichten ab und sagen uns selbst beim Spaziergang mit dem Hund, wie weit wir wie schnell gegangen sind, wie viele Schritte wir dabei gemacht haben, ob unser Puls dabei im grünen Bereich war und ob wir uns im Vergleich zur gestrigen Runde verbessern konnten. Das verleitet; so kommt es wohl zum ständigen Blick auf das Display.

Darum ist das Spazierengehen mit dem Hund eine der letzten onlinefreien Domänen in meinem Leben. Wenn wir zusammen durch den Wald gehen, achten wir aufeinander; der Vierbeiner tut es aber nur, wenn ich auf ihn achte. Das hat so ein schlauer Hund ja schnell raus, wenn sein Mensch abgelenkt ist. Darum: der Spaziergang bleibt „real, pure, natural“.

geocache

© Lasse Hendriks – Fotolia.com

Dachte ich zumindest bis zu dem Tag, an dem Emma (so heißt der Hund) mir im Wald nach bester Labradormanier ein kleines Döschen apportierte. Voller Freude über den Fund öffnete ich und fand darin ein kleines Heftchen mit Eintragungen. Dem modernen Schatzsucher dämmert es: Mein Hund hatte einen Cache gefunden, also einen von vielen Schätzen, die Menschen aus Lust und Tollerei irgendwo in der Landschaft verstecken. Auf so genannten Geocaching-Plattformen, werden die Geo-Koordinaten – meist durch ein Rätsel verschlüsselt – hinterlegt, das Thema des Schatzes beschrieben und die Logbucheinträge der Finder verwaltet. Das alles funktioniert über Apps, online.

Jetzt gehört das so genannte Geocaching nicht zu meinen Hobbies, wohl wusste ich als Mitläuferin bei einer Freundin aber sehr wohl, worum es sich handelt. Als „Halb-Muggle“ stand ich aber im wahrsten Sinne des Wortes mit meinem „Fellmuggle“ offline im Wald und konnte den richtigen Ort des Caches nicht ausfindig machen, um ihn an seinen Bestimmungsort zurückzulegen.

Es geht also doch nicht ohne? Doch, doch, wenn man nur will. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um den kompletten Verzicht, sondern einfach nur darum, die richtige Dosis zu finden, um nicht unbewusst in eine andere Welt hinüber zu gleiten. Geocaching – und so viel kann ich als mitwirkende Begleitung sagen – kann dazu einen Beitrag leisten. Noch nie habe ich zum Beispiel über meinen Lieblingsurlaubsort mehr erfahren als bei dieser modernen Schatzsuche, die zum Herausfinden der Geo-Koordinaten dazu herausfordert, sich intensiv mit der realen Geschichte und Landeskunde zu befassen.

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