„Paul für Verl“?

IMG-20150904-WA0000Am kommenden Sonntag ist auch in Verl Kommunalwahl. Zugegeben: Ich bin nicht besonders politikinteressiert und -bewandert. Aber 2015 finden wir in Verl eine besondere Konstellation vor, die die Wahl am 13. September höchst spannend macht.

Da ist zum einen Paul Hermreck, der seit 2004 amtierende Bürgermeister von Verl, der am 30. Dezember 2014 erst öffentlich erklärte, auf eine weitere Kandidatur für die CDU zur Kommunalwahl 2015 zu verzichten und nun doch als unabhängiger Kandidat antritt. Zum Zweiten haben wir Peter Heethey, Bürgermeisterkandidat der in Verl traditionell recht schwachen SPD. Der Dritte im Bunde ist Michael Esken, ein Ur-Verler und seit 2003 ebenfalls amtierender Bürgermeister, allerdings in Hemer.

Aus PR-Sicht scheint der Sieger schon jetzt festzustehen. Oder doch nicht? Nun meine ich mit PR nicht die vielen Wahlplakate und Banner, auch nicht die Filme auf den Facebook-Seiten der Kandidaten oder die Bürgerveranstaltungen und den Schlagabtausch auf dem Volksfest „Verler Leben“. Das alles ist Werbung, zwar auch Werbung um Vertrauen, aber mit dem Unterschied, dass die Kandidaten selbst von sich sagen, was sie alles können und wollen. Das ist in der Regel wenig glaubwürdig, weil die Diskrepanz zwischen Reden und Tun, die in der Politik im Allgemeinen ja recht ausgeprägt ist, im Raum steht.

Bei der PR läuft das etwas anders; sie bezieht das Tun mit ein und setzt auf die Meinung von Dritten, verfährt also nach der Maxime des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623 – 1662): „Tue Gutes – und lass‘ andere darüber sprechen.“ Geht man danach, hat Paul Hermreck die Nase vorn. Schließlich hatte er bereits über zehn Jahre Gelegenheit, Gutes für Verl zu tun und nicht nur der Presse den Stoff für die Berichterstattung darüber zu liefern, sondern auch den Bürgern zu beweisen, dass er umsetzen kann, was er ankündigt.

Aber nicht nur Presse und Bürger stehen offenbar als Zielgruppen im Visier. Aufmerksamkeit erzeugte zum „Verler Leben“-Fest eine Aktion der Schausteller. Mit knallgelben Zetteln „Paul für Verl“ signalisierten sie, dass sie die Wiederwahl von Paul Hermreck unterstützen. Das Westfalenblatt, Verler Zeitung, vom 5. September 2015 zitiert dazu den Autoscooter-Betreiber und Initiator der Aktion: „Der Bürgermeister tut für die Schausteller viel. Das hat er gar nicht nötig, und woanders erleben wir solch ein Engagement selten.“ Weiter schreibt die Zeitung: „Die Kirmes in Verl habe sich in Hermrecks Amtszeit enorm verbessert. ‚Für uns ist es daher von Vorteil, wenn er Bürgermeister bleibt.‘ (…) Der Schausteller aus Schloß Holte versichert übrigens, den Bürgermeister nicht in das Vorhaben eingeweiht zu haben. Einzig seine Kollegen seien informiert gewesen.“

Das wäre PR, wenn, ja wenn die offenbar überzogene Plakativität der Aktion einer Minderheit, die noch nicht einmal zu der richtigen Urne geht, bei einigen Bürgern nicht Misstrauen und Ärger hervorgerufen hätte. Das Fest verkäme zur „Wahlkampf-Kirmes“, schrieb die NW. Und viele vermuteten den Bürgermeister doch selbst hinter der Aktion. Da ist der Knackpunkt; allein die Vermutung reicht aus, um die PR-Aktion der Schausteller verpuffen zu lassen.

Welche Maßnahmen am Ende am meisten gefruchtet haben, werden wir frühestens am Sonntagabend erfahren, wenn die Verler über ihren zukünftigen Bürgermeister abgestimmt haben. In jedem Fall blickt unsere Stadt dann auf einen heißen Wahlkampf zurück, der alles geboten hat: Unzählige Wahlplakate, eins unter anderem an einem städtischen Gebäude, was es zu einem Fall für die Kommunalaufsicht macht, Leserbriefschlachten, Podiumsdiskussionen, Verdächtigungen und Unterstellungen, Bekenntnisse zu falschen Unterschriften und und und. Vielleicht macht am Ende aber doch den Unterschied, was echte PR ausmacht: das dezente Werben um öffentliches Vertrauen, das sich nicht allein durch Reden, sondern auch durch Taten verfestigt. Ich bin gespannt.

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