Quo vadis, deutsche Schreibkultur?

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Die Fachfrau für Unternehmenskommunikation berichtet, dass sie auf Xing aufgefordert wurde, einer Gruppe von Social-Media-Experten beizutreten, „deren Plural mit ‚Deppenapostroph‘ (’s) gebildet ist“.

Ein Ausbildungs- und Beratungsunternehmen für Online-Marketing gibt eine Anleitung zur Suchmaschinenoptimierung von Websites heraus, der der Laie nicht nur aufgrund der schweren Materie kaum folgen kann, sondern auch wegen Fehlern in der Groß- und Kleinschreibung, der Kommasetzung und zahlreichen Buchstabendrehern.

Die Anzeigenverantwortliche einer Fachzeitschrift schreibt an die Kunden: „Nach den Katastrophenjahren haben wir einen ‚so‘ nicht erwarteten Wirtschaftsaufschwung. Wär hätte das gedacht?“

Die „Neue Westfälische“ berichtet am 24. Juli 2012 von einer „studentischen Qualitätskrise“, weil Hochschullehrer über massive Schwächen von Nachwuchsakademikern bei Satzbaulehre, Grammatik und Rechtschreibung klagten. Zudem hätten viele Studenten Probleme mit dem Verfassen korrekter wissenschaftlicher Texte. Es mangele „an der Fähigkeit, selbständig zu formulieren und zusammenfassende Texte zu schreiben“. Ursachen seien teilweise auf gesellschaftliche Prozesse zurückzuführen. Die „Jargonhaftigkeit“ nehme zu. „Es zeige sich außerdem ein schwindender Wortschatz.“

Der Sprachwissenschaftler Jan Seifert sammelte E-Mails, die Studenten in unangemessenem Umgangston und gespickt mit Form- und Formulierungsfehlern an Professoren und Dozenten schrieben. Er hat sie ausgewertet und führt die Fehler darauf zurück, dass Studenten Probleme mit der „Einschätzung der jeweiligen Kommunikationssituation und der Wahl der situationsadäquaten sprachlichen Mittel“ haben. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachwissenschaftler-seifert-wertet-e-mails-von-studenten-aus-a-870038.html)

Probleme mit der deutschen Schriftsprache scheinen keine harmlosen Einzelfälle zu sein. Und darum darf die Frage erlaubt sein, ob wir uns ernsthaft Sorgen um die deutsche Schreibkultur machen müssen. Wo führt das hin, wenn bereits der akademische Nachwuchs auffällig wird? Braut sich da „ätwa“ was zusammen, was weitreichende Konsequenzen für die deutsche Sprache und Kultur hat?

Wenn man hört, wie Grundschüler heute schreiben lernen, ist das möglicherweise erst der Anfang. „Varrat varn machd schbas!“ statt „Fahrrad fahren macht Spaß“ schrieben viele Kinder einem Bericht von dapd zufolge in ihre Schulhefte. Der Grund dafür sei, dass an immer mehr deutschen Grundschulen nach der reformpädagogischen Methode „Lesen durch Schreiben“ (LdS) unterrichtet wird. Dabei sollen die Kinder Worte so zu Papier bringen, wie sie sie akustisch wahrnehmen. Korrekturen unerwünscht.

Bei solchen Methoden kann die Rechtschreibung schon mal auf der Strecke bleiben, und wenn auch Hans das nimmermehr lernt, was Hänschen schon nicht lernte, müssen derartige Tendenzen beunruhigen.

Sprachkenner wie Bastian Sick, Axel Hacke oder Wolf Schneider haben ihre Chance erkannt und frühzeitig damit begonnen, Schreib-, Übersetzungs- und Formulierungsfehler zu sammeln, um nicht nur zur allgemeinen Belustigung, sondern auch zur populistischen Sprachbildung beizutragen. Dass ihre Stilblütenbücher es schon in die Bestsellerlisten schafften, zeugt von einem gewissen Bedarf.

Bei Menschen aber, die sich Kommunikationsprofi nennen, hört der Spaß auf. Korrekte Schreibe sollte gerade bei Journalisten zum Selbstverständnis gehören, denn mit dem Beruf verbindet sich auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Dabei gilt es, auf der Hut zu sein, denn der Versuchung, sich dem allgemeinen Sprachgebrauch von Lesern anzupassen, weil man verstanden werden und den Stil der Empfänger treffen möchte, ist groß.

Sehen Sie das ähnlich? Sind all die Meldungen tatsächlich drohende Anzeichen dafür, dass die deutsche Sprache als Verständigungsmittel an Wert verliert, oder haben wir es mit Entwicklungen zu tun, die im Rahmen des natürlichen Sprachwandels einfach stattfinden und schon immer unter Journalisten diskutiert wurden? Entprofessionalisiert sich der Journalismus? Sehen Sie sich in der Pflicht, den Tendenzen etwas entgegenzusetzen? Gern diskutieren wir mit Ihnen über dieses Thema.

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