Schöner Tag noch

© majitas - fototolia

© majitas – fototolia

Die Überschrift enthält keinen Fehler. Sie ist wörtliches Zitat; denn so geht man in Freiburg miteinander um. In unserer schnelllebigen Zeit lässt ein so netter Gruß aufmerken. Zeigt er doch, dass der viel beklagte Kulturverlust noch nicht überall Spuren hinterlässt. Fazit: Es geht auch freundlich miteinander.

Tatsächlich scheint sich Nettigkeit als kommunikative Strategie durchsetzen zu wollen. Die aus Textbausteinen gebastelten Kunden-Anbetungsbriefe strotzen nur so vor Liebenswürdigkeit. Unsere Betriebsverlagerung von Bad Oeynhausen nach Freiburg fördert zutage, was längst unterdrückt schien. Auf die Ummeldung zum Handelsregister beim Amtsgericht Freiburg hagelte es Post. Darunter ein Start-up Magazin mit besten Glückwünschen und hilfreichen Tipps zur Neugründung. Auch die IHK gratuliert zum Unternehmensstart und vermerkt im Stammdatensatz völlig korrekt unser Gründungsdatum 1. Januar 1972.

Der Leiter des Geschäftskundenservice der viel gescholtenen Telekom, Jörg Rechermann, bedankt sich im Anschreiben mit persönlicher Anrede für unsere Geduld und bedauert, dass unser Anschluss nicht immer reibungslos funktionierte. In wohlgesetzter, ein wenig antiquierter Ausdrucksweise wird „in aller Form zum Ausdruck“ gebracht, dass die Telekom weiß, wie bedeutend Kommunikation für unser Geschäft ist. Das hat immerhin etwas.

Ein weiterer IT-Spezialist aus der Bundeshauptstadt Berlin bittet uns, unsere Zufriedenheit nach Abschluss unserer Anfrage per online-Fragebogen zu verkünden. „Damit helfen sie uns, unseren Support weiter zu verbessern.“ Machen wir doch gern; schließlich soll doch alles besser werden.

Man sieht: Hier haben Trainer ganze Arbeit geleistet. Was geschrieben ein Unternehmen verlässt, soll Stil, Anstand und Kundenliebe dokumentieren. Doch zeigt dies das wahre Leben?

Der Umgang miteinander nimmt raue Gestalt an. Lieferantentreue schmilzt wie Butter in der Sonne. Einkäufer streben nach Anerkennung durch Preisgemetzel. Budgetverantwortliche versäumen beim Filetieren der Projekte in die unvermeidbaren Details, das große und ganze Ziel zu fokussieren. Das sich in den wenigen Worten „Ohne Herkunft keine Zukunft“ einst etablierte Wissen verliert an Bedeutung. „In“ ist, mit disruptiven Technologien zu protzen. Disruption fehle ganz besonders in dem die Wirtschaft immer noch stützenden Mittelstand, meinen die wissenschaftlich verbrämten und in moderne Begriffe verliebten Protagonisten und fordern zum Umdenken auf. Na dann: Viel Spaß beim Unterbrechen und Zerreißen, denn dafür steht Disruption im Wortsinne.

Wir lieben unseren Job. Wir unterstützen, fördern und dokumentieren, was Auftraggeber als Ziel vorgeben. Aber wir haben auch gelernt, was an Werten geschätzt wurde und immer mehr auf der Strecke bleibt. Daraus resultieren Lebensregeln. Zum Beispiel diese: „Helfe niemanden in den Sattel. Wer oben sitzt, blickt nur herunter.“ In diesem Sinne: Schöner Tag noch.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.