Senfspritzer: jauchzet, frohlocket!

Weihnachtsmann im Kurpark

Foto: Wilfried Wadsack

„Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“, wissen wir von Goethe. Und jetzt kommen sie, die guten Tage. Mittwoch: Heiligabend. Donnerstag: 1. Weihnachtsfeiertag. Freitag: 2. Weihnachtsfeiertag. Die davor liegenden Tage Montag und Dienstag darf man getrost dazu zählen. Das Weihnachtsfest 2014 beschert uns eine tolle Woche. Und die soll schwer zu ertragen sein?

Nein, die Adventszeit bereitet einen viel größeren Stress. Fast scheint vergessen, worum es geht. Adventus Domini, die Ankunft des Herrn, gilt für die Christenheit als freudige Vorbereitungszeit auf das Fest der Geburt in Bethlehem. „Jauchzet, frohlocket“ lässt Bach die Chöre in seinem Weihnachtsoratorium singen. Schöner geht es kaum. Doch die Zeiten ändern sich.

Das Frohlocken gipfelt in vorweihnachtlicher Werbung. Das Jauchzen konzentriert sich auf die Schnäppchenpreise. Wir erleben harte Dramen bei der Parkplatzsuche, tolerieren drängelnde, schubsende, Pommes „á la main“-essende Menschenmassen in Einkaufszentren, weichen geschickt Mayo- und Senfspritzern aus, stolpern über fallende Einkaufstüten, zelebrieren unseren Multi-Kulti-Lebensstil mit lauten Touristen auf den ach so liebenswerten Weihnachtsmärkten und erfinden für das sympathische Frohlocken immer mehr sich steigernde Schimpfworte.

Es muss genetisch verankert sein, dass die bereits im September mit Lebkuchen und Dominosteinen beginnende Vorweihnachtszeit zum alljährlichen Happening wird, zur Blütezeit des Einzelhandels. Das gesamte Szenario strebt danach, das passende Geschenk zu finden. Alles wird zum lebendigen Beispiel für die Informationsüberflutung, die uns ausgetrieben hat, einfach zuzuhören; denn wer zuhört, weiß, was auf dem Wunschzettel steht.

Trotzdem gefällt mir die Weihnachtszeit. Lichterketten erstrahlen, die Weihnachtspyramide rotiert, die glitzernden Sammelobjekte am Weihnachtsmobile schmücken die Fenster, und die Kerzen auf dem Adventskranz verbreiten ihre friedvolle Stimmung. 24 Türchen im Adventskalender bieten täglich einen freudigen Moment. Der Geruch von Plätzchen lässt das Eigengewicht vergessen. Und die ersten automatischen Antworten auf E-Mails zeigen an, dass auch der Weihnachtsurlaub zum Ausklang des Jahres für die lang ersehnte Ruhe sorgt. Langsam wird es Zeit, die noch ungelesenen Bücher parat zu legen.

Was also soll so schwer daran zu ertragen sein? Die guten Wünsche zum Fest gibt es zuhauf. Warten wir nicht darauf, dass sie sich erfüllen. Leben wir einfach so, wie die gut meinenden Absender der Weihnachtsgrüße es sich vorstellen. Und genau das wünsche ich jedem, der sich trotz vorweihnachtlichem Stress bis hier hin vorgearbeitet hat.

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