Social Media: Immer mehr Schwimmer und Surfer als Taucher

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Kaum einer hört mehr richtig zu oder schaut genau hin. Nur wenige lesen noch einen Text zu Ende, der länger als fünf Sätze umfasst. Dagegen glänzen mit effekthaschenden Schlagzeilen angekündigte Videos und schockierende Bilder mit extrem hohen Klickraten. Ein Klick ist ja auch schnell gemacht. Hier noch ein „Gefällt mir“ und dort noch ein „Like“ – die gegenteilige Alternative, die zu einer Entscheidung herausfordern würde, existiert eh nicht – und weiter geht’s zum nächsten Beitrag, Post oder Tweed. Informationen gibt es genug im Netz. Nur wohin führen uns diese Flut und Hektik?

„Generation Klick“

Nach dem Freitod des Schauspielers Robin Williams sollen viele um den Sänger Robbie Williams getrauert haben – ein Senderproblem oder Folge ungenauer Wahrnehmung? Nach dem letzten Blogbeitrag meiner Kollegin, der den Ice Bucket Challenge thematisierte, empörte sich ein Leser, dass hier Spender und Ehrenamtliche vor den Kopf gestoßen würden. Die Überschrift „Nassmacher sind keine Helden“ ließ das auch erst mal vermuten; erst der Text erläuterte, worum es wirklich geht. Und auch „Journalisten werden schlampig“. Sie holen sich laut einer Studie ihre Informationen vorwiegend schnell aus dem Internet und recherchieren nur noch ungenügend: http://prreport.de/home/aktuell/article/8655-social-media-studie-journalisten-werden-schlampig/ Offenbar lassen wir alle im Umgang mit dem Netz Gründlichkeit vermissen.

Dass kaum noch einer richtig eintaucht in die Geschichten, bringt eine „Generation Klick“ hervor, in der Missverständnisse an der Tagesordnung sind, unnötige Diskussionen entstehen und nichtssagende oder unüberlegte Äußerungen zu heftigen Streitfällen führen. So zieht so mancher Post auf Facebook einen ellenlangen Rattenschwanz an Kommentaren hinter sich her, die sich nicht selten aneinander hochschaukeln. Social Media soll die Menschen verbinden, bewirkt so aber genau das Gegenteil.

Content braucht Raum

Es ist wie in einer Zwickmühle, aus der so mancher Journalist und PRler nach Auswegen sucht, gerade weil man als solcher überdurchschnittlich oft Content im Social Web produziert. Doch Content braucht Raum, und wer Inhalte ausführlich recherchiert und darstellt, muss nach dieser Entwicklung damit rechnen, weniger gelesen zu werden. Vor diesem Hintergrund darf zum Beispiel das Krautreporter-Projekt (https://krautreporter.de/das-magazin) als Appell wider die Oberflächlichkeit bezeichnet werden. Es soll Ende September an den Start gehen, und es bleibt spannend, wie es sich dann entwickeln wird. Eine positive Zukunft wäre dem Projekt zu wünschen, aber die Entwicklungen sagen leider etwas anderes: Noch scheinen sich die Reporter wie viele ihrer Branchenkollegen mit ihrem Anliegen am Boden der Tiefsee zu tummeln und auf einige Elite-Taucher zu warten. Als Lösung scheint mir ein alter, aber nicht überholter journalistischer Rat hilfreich: auftauchen, kurz an der Oberfläche mitschwimmen oder -surfen und den Fisch ködern und dann nach und nach zu den „Schätzen“ in der Tiefe locken.

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