Über den Tellerrand: Auch von kleinen Zünften kann man lernen

Erst kürzlich prognostizierte das Thesenpapier, das der ECC Köln zusammen mit dem Institut für Handelsforschung IFH Köln und dem Beratungsunternehmen Mücke, Sturm & Company verfasst hat, einen massiven Digitalisierungsschub im Möbelhandel. Überleben werde nur der Möbelhändler, der sich konsequent an den Wünschen und Anforderungen der Kunden ausrichten werde. Das Thema wurde heiß diskutiert; kaum eine Möbelgazette, die nicht über das Horrorszenario des Thesenpapiers philosophierte.

© lightsonscience - Fotolia.com

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Da scheinen kleine Zünfte weiter zu sein. Auch solche, von denen man es gar nicht annimmt. Die Steinmetze und Bildhauer erkennen das weltweite Netz für sich als Chance. Die NOZ berichtet von Treffen der Steinmetze und Bildhauer in Bremen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Angebot an Grabsteinen im Internet zu verbessern. Künftig soll ein Postversand von Mini-Grabmalen angeboten werden, die ausschließlich aus deutschen und europäischen Steinen gemeißelt wurden.

Das nenne ich ganz schön clever. Die Steinmetze, die sich im Grabsteingeschäft tummeln, leiden seit Jahren unter der Billigware aus China und Indien, in Fachkreisen auch als „blanke Affen“ bezeichnet. Damit verquickt ist natürlich das unschöne Thema Kinderarbeit. Jetzt die Digitalisierung zu nutzen, um damit gleichzeitig für einen nachhaltigeren Umgang mit dem Material Stein zu werben, halte ich für ziemlich progressiv. Das Netzwerk „Aktivkreis besondere Grabmale“ gibt es auch schon. Die Mitglieder versichern, lediglich heimische Materialien zu verwenden und in ihren eigenen Werkstätten zu produzieren. Wenn die Netzwerk-Mitglieder jetzt im Laufe des Jahres , so die NOZ, eine Auswahl paketgerechter Steine ins Netz stellen wollen, haben sie erkannt, dass die Digitalisierung keine Branche, auch nicht die kleinste verschont. Neuartige Bestattungsformen, für die sich diese maximal 30 kg schweren Steine eignen, treten in den Vordergrund und werden dazu beitragen, dass die Online-Strategie der Steinmetze und Bildhauer aufgeht.

Netzwerke gründen, gemeinsam Ideen spinnen, agieren und die Digitalisierung für sich als Herausforderung und nicht als Bedrohung erkennen, darum geht es. Die Steinmetze und Bildhauer stehen stellvertretend für viele kleine Handwerksbetriebe, die ihre Chance im Netzwerk begriffen haben. Sie setzen auf Kooperation statt auf Konfrontation. Denn wer weniger lamentiert, hat mehr Energie, um neue oder sogar ungewöhnliche Wege zu beschreiten.

Die immer lesenswerte Rubrik „Unterm Strich“ in der Badischen Zeitung mit dem heutigen Beitrag „Grabstein per Paketdienst“ gab den Impuls für diesen Blog-Post. Dass die Boten der Paketdienste über die Initiative der Steinmetze und Bildhauer nicht glücklich sein dürften, leuchtet ein. Aber auch die Paketdienste werden sich auf immer ungewöhnlichere Formen und Auswüchse des Online-Handels einstellen müssen.

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