Verknappung üben

Es ist wieder so weit. „Jingle Bells“ im Radio, im Supermarkt und auf den Weihnachtsmärkten – alles natürlich nur, damit Stimmung aufkommt. Das muss ein kommunikatives Missverständnis sein, denn die meisten Konsumtempel und -tempelchen haben doch schon mit Weihnachten abgeschlossen.

Foto: MSWW

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Als ich pünktlich zu Nikolaus für meine Kollegen einen Schokoladen-Nikolaus im Supermarkt einer ostwestfälischen Kleinstadt erstehen wollte, hatte ich leider Pech. Die Palette der roten Nikoläuse meiner Lieblings-Schokoladensorte war bis auf XXL-Exemplare zusammengeschmolzen. Da stand ich nun und musste mich mit den schäbigen Resten eines weitgehend abgegrasten Sortiments zufrieden geben. Der Versuch, Pyramidenkerzen für meine Weihnachtspyramide zu ergattern, scheiterte bereits im November. Weiße Kerzen waren leider aus. Abhilfe schuf die Großstadt, aber ob es normal ist, für einen alltäglichen Saisonartikel in die Großstadt zu kutschieren oder die Online-Angebote zu durchforsten, bleibt dahingestellt.

Angeblich fühlt sich die Mehrheit der Deutschen davon genervt, dass Weihnachtsware immer früher in die Auslagen der Geschäfte kommt. Das zumindest besagen die Ergebnisse der Umfragen, die in den Medien veröffentlich werden. Meines Erachtens kann da etwas nicht stimmen. Wenn keiner im August Lebkuchen & Co. kaufen möchte, warum sind dann die Regale Anfang Dezember leergeräumt? Verhalten wir uns als Konsumenten nicht irgendwie schizophren? Uns stört das Weihnachtsgedöns im August, und trotzdem fühlen wir uns davon magisch angezogen. Der Industrie und den Warenhausketten scheint es gelungen zu sein, uns Konsumenten zu erziehen. Schließlich wissen die Marketingstrategen, dass, wird ein Thema penetrant bespielt, sich der Erfolg schon einstellt. Schließlich funktioniert es ja auch bei mir. Im November, bei lauen Temperaturen an Weihnachtspyramiden zu denken, ist abstrus, gehört aber offensichtlich zur Normalität. Die (schweigende) Mehrheit wird sich schon längst damit abgefunden haben. Das zuweilen lautstark geäußerte Unbehagen im Kollegen- und Bekanntenkreis ist ein allerletztes Aufbäumen oder möglicherweise sogar nur: jammern auf hohem Niveau.

Wer genervt und gestalkt auf den üblichen Weihnachtswahnsinn ab August reagiert, wird irgendwann wahrscheinlich Mechanismen finden, damit aus Frust am Ende doch noch Lust wird. Zum Beispiel alles das zu konservieren, was in Kindertagen einfach zu einem tollen Weihnachtsfest gehörte: Geschenke basteln, Plätzchen backen, Weihnachtslieder auf dem Klavier spielen, jemandem eine Freude bereiten oder einfach einmal innehalten und sich nur auf Weihnachten freuen. Bei mir funktioniert es – meistens. Ein Rest von Unbehagen beschleicht mich immer dann, wenn auch ich mich dabei ertappe, dass mein Customer Journey immer früher einsetzt. Aber irgendwie ist das ja auch beruhigend, zumindest für die Werber und Marketer, deren süße Glöckchen uns am Ende doch alle einlullen.

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