(Voll)vernetzung: Frust oder Lust?

Smart Home ist in aller Munde. Die Waschmaschine teilt mit, wann sie fertig ist. Der Kühlschrank übernimmt das Vorratsmanagement. Der Backofen kontrolliert die Temperatur und informiert, wann das Gericht fertig ist. Kochfeld und Dunstabzugshaube kommunizieren miteinander, um ein optimales Küchenklima zu kreieren. Und die Kaffeemaschine springt an, wenn ihr Nutzer morgens schlaftrunken die Küche betritt. Mehr noch: Die Berührung des Lichtschalters ersetzt der Griff zum Smartphone, um eine App zu bedienen, die das Licht oder Lichtszenen ein- und ausschaltet. Nur der Staubsauger bleibt ganz unbeleckt von diesen – glaubt man der Industrie – heilsbringenden Technologien.

Dabei verlangt der Umgang mit diesem lärmenden und äußerst unpraktischen Gerät durchaus eine masochistische Veranlagung. Der Saugschlauch ist entweder zu lang oder zu kurz, das Kabel liegt im Weg herum und bremst den Bodenstaubsauger mehr als einmal während des Saugens ab.  Das Gehäuse eckt trotz seiner mittlerweile schnittigen Formen gerne an. Türrahmen und Tisch- und Sofabeine gehören dabei zu den gängigen Hindernissen. Auf Treppen ist der Bodenstaubsauger mehr als eine Last und gelegentliche Abstürze sind vorprogrammiert. Der Handstaubsauger ist keine Alternative, weil er dem Nutzer noch mehr Gewicht zumutet. Und der Staubroboter? Der bringt’s nicht wirklich. Teppichböden, Ecken und Kanten sind für die Hauselfen ein Problem. In Puncto Saugleistung können sie nicht gegen herkömmliche Geräte anstinken. Dabei ist der Preis üppig, wenn das Saugresultat irgendwie noch zufriedenstellend sein soll. Die Technik steckt also noch in den Kinderschuhen, glaubt man den Ergebnissen der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2015. glaubt. Komisch eigentlich, denn das Staubsaugen gehört zu den häufigsten Hausarbeiten und kann je nach Intensität ziemlich schweißtreibend sein.

Der Nutzen, na ja – Spaß gut möglich

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Wieso tüfteln die Haushaltsgerätehersteller fast ausschließlich an ohnehin schon im Gebrauch komfortablen Geräten? Die Waschmaschine, die Geschirrspülmaschine, der Backofen, das Kochfeld …. kosten mich keinen Tropfen Schweiß. Ein Knopfdruck genügt, schon stehen sie zu Diensten. Und weil es unmöglich ist, selbst, will sagen ohne Dienstpersonal, von unterwegs ein Drei-Gänge-Menü vorzubereiten, pfeife ich auf die Vollvernetzung meines Haushalts. Ich erkenne keinen Nutzen! Wer schnippelt denn das Gemüse oder schlägt die Sauce Hollandaise, damit es irgendwie Sinn machen könnte, dass mein Backofen mir via Smartphone signalisiert, dass der Braten fertig ist und ich nach Hause kommen kann? Und wer stellt den Braten überhaupt in den Backofen? Was ist mit dem Salat, den der Kühlschrank mir gerade als vorrätig angezeigt hat? Wer ernsthaft Freude am Kochen hat, die dazu nötige Logistik kennt und darüber hinaus Abläufe koordinieren kann, der weiß, dass ihn die Vernetzung nicht wirklich weiterbringt. Kochen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die wenig Platz für Gamification lässt. Wer’s nicht glaubt, sollte mal einem Profi über die Schulter schauen. Da ist viel Handarbeit gefragt, wenn der Genuss das Ziel ist.

Mehr als ein Gadget

Hingegen sollte der Staubsauger vor geballter technischer Intelligenz strotzen. Und da gibt es viel Potenzial, worüber es sich nachzudenken lohnt: die Form, das Gewicht, das Kabelmanagement, Akkus mit langer Laufzeit sowie Saugschlauch und -düsen, die sicherlich auch mal einer Revision unterzogen werden können. Beim Übergang bis zum tadellos funktionieren Staubroboter ist noch manches Gehirnschmalz der Hersteller gefordert. Wäre doch mal eine Herausforderung für ein hippes Crowdsourcing mit der Maßgabe, mehr als ein nur cooles Gadget zu ersinnen.

Oft sind es die kleinen Details mit der großen Wirkung. Und deshalb lohnt es sich, Fragen zu stellen. Ist der Nutzen eines vollvernetzten Haushalts so groß, dass er den Aufwand rechtfertigt? Oder ist der Spaßfaktor so außerordentlich, dass man sich die totale Vernetzung gönnen möchte? Nutzen erkenne ich nur dann, wenn es nicht allein darum geht, mir jeden Gang abzunehmen und meine intellektuellen Fähigkeiten auf Dauer gegen null zu fahren. Ein smarter Staubsauger, der in der Lage ist, mir die Arbeit wesentlich zu erleichtern, ist nützlich. Ein elektronisches Schließmanagement, das sowohl Gebäude- als auch Möbeltüren beinhaltet, bringt Sicherheit und ist zudem komfortabel. Oder noch etwas komplizierter: Eine Wohnung, die sich auf Knopfdruck in den Abwesenheitsmodus stellen lässt – Heizung aus, Fenster zu, alle Geräte auf off und Alarmanlage an – macht extrem viel Sinn. Was den Spaßfaktor angeht, dazu muss die Vernetzung der Geräte untereinander zuverlässig funktionieren. Wenn die Hausgeräte-Branche schließlich noch das Expertenwissen für die Sicherheit der Daten mitbringt, dann will ich mich gerne dem Hurra auf die Vollvernetzung anschließen. Bis dahin macht es mir allerdings mehr Spaß, selbst nach dem Motto zu entscheiden: Ist das smart oder einfach nur lästig?

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