Was hat die Comédie humaine mit dem Kauf von Facebook-Fans zu tun?

Auf den ersten Blick nichts. Denn zwischen Balzacs umfangreichem Romanzyklus und Facebook liegen knapp 200 Jahre. Und trotzdem sagt man sich, da war doch was, wenn man die zahlreichen Berichten über den Handel mit Facebook-Fans liest. WDR.de schrieb kürzlich unter der Überschrift „Zwei Cent für ein ‚Gefällt mir’“ über den offensichtlich angesagten Handel mit den Fans. Mit dem Aufstieg der Social Networks entdecken clevere Geschäftemacher, dass sich im interaktiven Kommunikationszeitalter schnelles Geld machen läst.

Vor rund 200 Jahren lieferten die aufstrebende Entwicklung und die zunehmend gesellschaftspolitische Bedeutung des Journalismus einen aktuellen Stoff für den Romancier Balzac. Vor allen in den „Illusions perdues“ beleuchtet Balzac den Journalismus aus verschiedenen Perspektiven. Wunderbar beschreibt der Romancier Literaturkritiker, die über Top oder Flop eines Theaterstückes oder Aufstieg oder Fall einer Tänzerin entscheiden. Die Claqueure, Balzac charakterisiert diesen Typus in seiner „Monographie de la presse parisienne“ auch als „Le Bravo“, sind freiwillige oder unfreiwillige Intriganten, die nach Ruhm und Geld streben. Dabei werden kaum Tricks ausgelassen.

An der rasanten Entwicklung von Social Media hätte Balzac sicher seine Freude gehabt. Neben der interaktiven Kommunikation und den spannenden Möglichkeiten hätten ihn sicherlich die findigen Geschäftemacher interessiert, deren Fantasien dort greifen, wo die Grundprinzipien von Facebook & Co. wohl noch nicht verstanden worden sind. Im sozialen Netz geht es nicht um Claqueure oder stumpfe Gefolgsmänner und -frauen. Es geht um aktive User, die sich mit einer Marke identifizieren und bereit sind, sich dafür zu engagieren. Für das Unternehmen oder die Marke zählen das Vertrauen sowie der offene Dialog mit der Community. Nur echte Fans und die entschlossene, intensive Kommunikation des Unternehmens verleihen Profil und transportieren Image. Ich bin überzeugt, dass sich auch in den Social Networks Klasse statt Masse durchsetzen wird. So wie die gesellschaftspolitische Bedeutung des Journalismus durch Aktualität, Faktizität und Relevanz bestimmt wird, wird auch die Kommunikation im Netz von der Diskussion interessanter Fakten leben. Für die „marchands de phrases“ oder für kleingeistige Fankäufer wird am Ende nur die Karikatur „à la Balzac“ bleiben.

Veröffentlicht unter Social Media | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.