Weihnachten und (k)ein Kerzenschein verzaubert das Fest

Foto: MSWW

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Stellt euch vor, es ist Weihnachten und nirgends flackert eine Kerze. Kerzen gehören seit je her zu Festen. Schon Louis XIV setzte sein prachtvolles Versailles mit Tausenden von Kerzen dramatisch illuminiert in Szene. Die Spiegel im gleichnamigen Saal reflektierten den Kerzenschein und schufen raffinierte Lichteffekte, deren Zauber sich über rauschende Ballnächte legte. Kerzenschein, wohin das Auge reicht, damit soll jetzt im 21. Jahrhundert endlich Schluss sein, zumindest wenn es nach dem Gesetzesentwurf der EU gehen soll. Passend zur Adventszeit und zu Weihnachten wiehert der Amtsschimmel, aber ganz kräftig.

Ist es ein Irrlichtern oder sinnvoll, wenn sich die EU um die Sicherheit von Kerzen kümmert? Folgt man dem Dokument unter dem Namen D (2015) 025025/08 mit dem ausschweifenden Titel „über die Sicherheitsanforderungen, denen europäische Normen für Kerzen, Kerzenhalter, Kerzenbehälter und Kerzenzubehör gemäß der Richtlinie 2001/95/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über die allgemeine Produktsicherheit genügen müssen“ geht es nach der Glühbirne jetzt endlich auch den Kerzen an den Kragen – sorry an den Docht.

Das wurde aber auch höchste Zeit, denn schließlich sind Kerzen doch irgendwie archaisch und haben kräftig dazu beigetragen, die Versailler Spiegel zu schwärzen. Und damit jeder weiß, um welches Teufelszeug es sich bei Kerzen handelt, definieren die Beamten der Kommission zunächst einmal, was jeder schon immer über Kerzen wissen wollte, aber bisher nicht zu fragen gewagt hat, nämlich „ein Produkt, das aus einem oder mehreren brennbaren Dochten besteht, die von einer bei Raumtemperatur (20 °C bis 27 °C) festen oder halbfesten Brennmasse gestützt werden. Die primäre Funktion des Produkts ist es, eine Licht erzeugende Flamme aufrechtzuerhalten.“ (http://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-13998-2015-INIT/de/pdf)

Nachdem dies jetzt geklärt ist, wird festgelegt, welche Sicherheitsanforderungen an ein solches Hightech-Produkt zu stellen sind. Als da wären: „Frei stehende Kerzen oder Kerzen, die mit einem Halter oder Behälter geliefert werden, müssen während des Abbrennens stabil bleiben (d. h. sie dürfen nicht umkippen).“ Oder: „Die Flamme darf maximal eine bestimmte Höhe erreichen; bei der Festlegung einer sicheren Höhe ist die natürliche Schwankung der Flamme während des Abbrandzyklus zu berücksichtigen.“ Und noch eine letzte originelle Aussage zur Standardsicherheit: „Die Kerze darf den Halter, den Behälter oder das Zubehör in keiner Phase des Abbrandzyklus entzünden.“ Aha! Wer noch mehr zum Thema Regulierungswahn lesen will, dem sei der Text wärmstens empfohlen.

Es wäre schön, wenn den Eurokraten mal ein Licht aufginge und die wirklich brennenden Probleme in Europa in Angriff genommen würden. Klar haben brennende Adventskränze schon verheerende Folgen gehabt. Und den europäischen Kerzenherstellern, so liest man, scheinen die Regulierungen zupass zu kommen. Die chinesische Billig-Konkurrenz könnte doch so ganz elegant in Schach gehalten werden.

Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass ich auf Kerzen aufpassen muss. Dass ich den Docht kürzen muss, um Rußemissionen zu reduzieren und die Flamme klein zu halten. Übrigens gibt es bei hochwertigen Kerzen aus Bienenwachs sogar eine Gebrauchsanweisung, eine Art Pflegeanleitung, die dabei unterstützt, möglichst lange Freude an der Kerze zu haben.

Zündstoff Weihnachten

Man kann versuchen, alles zu regulieren. Bei Gurken, Staubsaugern und Glühbirnen hat es ja prächtig funktioniert. Ob wir als Verbraucher davon allerdings etwas haben, steht auf einem anderen Papier. Also, was kommt als nächstes?

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Die Adventszeit und vor allem Weihnachten bieten noch einigen Zünd- und damit Regulierungsstoff: Schlecht gelaunte, gestresste Zeitgenossen, überfüllte Städte und Geschäfte, in denen manchmal sogar die Gewaltfrage im Raum steht, schier überbordende Restaurants mit hektischen Weihnachtsfeiernden. Und zum Fest selbst sollen Familienstreit und Übelkeit wegen Völlerei nicht selten brennende Probleme sein. Da hätte der Amtsschimmel ziemlich viel zu wiehern.

Ich für meinen Teil freue mich auf den Kerzenschein, der in diesem Jahr noch völlig ungeregelt seinen Zauber verbreiten kann. Das macht friedlich, gelassen und setzt Gedanken frei. Zurücklehnen und entspannen und dabei einfach der noch fröhlich flackernden Kerze zuschauen, das ist doch einfach nur toll – nach zwölf harten Monaten, in denen es mal mehr oder mal weniger große Flammen zu löschen gab.

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