Wenn das Nonplusultra „Büroler“ nicht überzeugt

Gänse 2

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Gleich vorweg: Der Artikel auf FAZ.net (1) zu den Büromythen hat mir gut gefallen. Längst sinniere ich darüber, was Architekturzeitschriften und viele andere Medien so toll daran finden, wenn sie Großraumbüros – oh sorry, natürlich Open Space Offices – als das Nonplusultra modernen Bürolebens herausstellen. Der kurze Weg zum Kollegen und die inspirierende Kommunikation sind die Argumente, die überzeugen sollen.

Mich überzeugt das nicht. Wenn ich kommunikativ bin, dann rede ich mit meinem Kollegen, egal in welcher Etage er sitzt. Ganz im Gegenteil, Bewegung tut gut und hilft, den Kopf frei zu bekommen. Bin ich eher mundfaul, dann kommuniziere ich lieber nicht oder nur dann, wenn es unbedingt sein muss. Da hilft auch das so hochgelobte Großraumbüro wenig.

Wenn ich mir jedoch vorstelle, wie hoch der Geräuschpegel ist, wenn zehn Kollegen auf engem Raum zusammensitzen, dann bin ich froh, zu den Glücklichen zu gehören, die ein eigenes Reich zum Arbeiten haben. Wir arbeiten alle in unseren eigenen Büros; wobei keiner im Team sich abschottet, was an den offen stehenden Türen leicht zu erkennen ist.

Ursula Kals und Eva Heidenfelder erwähnen in ihrem Beitrag auf FAZ.net ein Projekt von Studierenden der Technischen Universität München am Lehrstuhl für Strategie und Organisation, wonach in Großgruppenbüros mit mehr als vier Kollegen der höchste Stresspegel gemessen wurde.(1) Für mich gibt es auch Situationen, wo schon zwei in einem Raum zu viel sein können. Meine Kollegin und ich führen gerade für unsere Partneragentur in Paris eine telefonische Nachfassaktion durch. Wenn wir beide dicht auf dicht säßen, hätten wir schon die Segel gestrichen. Das hält nämlich keiner aus, fünf Stunden und mehr zu telefonieren und dabei die Kollegin als permanentes Echo wahrnehmen zu müssen.

Wahrscheinlich sind es die Unternehmen, die sich von den großen Zellen Einsparungen versprechen. Möglicherweise ist es für die Chefs auch ganz nett, den erreichten Status mit einem individuellen, abgeschotteten und selbstverständlich repräsentativen Raum zu demonstrieren. Ich jedenfalls habe noch keinen Mitarbeiter aus Unternehmen mit Großraumbüros getroffen, der seinen Arbeitsplatz als kommunikatives Zentrum oder als Ort des Einfallsreichtums gelobt hat. Vielmehr verspürte ich oft einen Funken von Neid, dass wir in so einer komfortablen Umgebung arbeiten dürfen.

Vielleicht wäre es besser, beim Thema Open-Space-Büro nicht nur die Pros, sondern auch die Cons zu erwähnen. Fotos von langweiligen Großzellen – vermutlich in der Mehrzahl – würden den Mythos eher entlarven als die schicken Fotostrecken aus den Büros von Google & Co. Es nützt doch wenig, den Büro-Menschen zu zeigen, wie schön es sein könnte, obwohl der eigene Arbeitsplatz grau und eintönig ist und mehr an eine Notunterkunft erinnert als an einen inspirierenden Ort für kreatives Arbeiten.

Das Maß aller Dinge sollte immer noch der Mensch sein, der sich auch mal zurückziehen möchte, um sich voll und ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. Wenn Unternehmen, Planer und Architekten endlich aufhören, das Thema Büro flächendeckend zu erschlagen, dann gibt es wieder Platz für Neues: Ideen, die sich am Arbeitsumfeld orientieren und nicht blind einem kostensparenden Trend hinterherlaufen. Denn die neue Arbeitswelt fordert mehr als Mythen und schnelllebige Trends, sie fordert ein Gespür dafür, dass Menschen sich einfach nur wohlfühlen wollen.
(1) http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/mythen-berufsleben-home-office-brainstorming-flache-hierarchien-grossraumbuero-13508284.html

 

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