Wenn es finster wird in Deutschland …

SofiDie „Sofi 2015“ liegt just hinter uns. „Hurra, wir leben noch“, muss man angesichts der Aufregung im Vorfeld ausrufen. Das astronomische Großereignis hat wieder einmal eines bewiesen: Medien, Internet und Katalysator Social Media können Fluch und Segen zugleich sein; kaum jemand kommt ohne sie noch „ungeschoren“ daran vorbei.

Ich persönlich habe erst davon erfahren, als eine besorgte Mutter in einer Facebook-Gruppe meines Wohnortes bereits am Montag fragte, ob die Kinder in der Schule während der Sonnenfinsternis draußen Pause machen werden oder drin bleiben müssen. Eine andere berichtete, dass die Sonnenfinsternis an den Schulen offenbar zu großen Unsicherheiten führt: „…, wenn die Gesamtschule ihre Kinder am Freitag zur Sonnenfinsternis in die Klassenräume einsperrt und die Grundschule (…) sich die Mühe gemacht und für alle Schüler Brillen geordert hat.“ Ein Vater haut noch mal richtig in die Sorgenkerbe: „Wir haben auch alle einen Zettel vom Bundesamt für Strahlenschutz bekommen.“

Über die gesamte Woche entwickelten sich die Diskussionen um die Sofi weiter von panikartigen Anfragen, wo es denn in letzter Sekunde noch Brillen zu kaufen gäbe, bis hin zu Bauanleitungen für selbst zu bastelnde Beobachtungsgeräte. Da hatten die Medien im Vorfeld ganze Arbeit geleistet. Spiegel online titelte am 16. März: „Gefahr bei der Sonnenfinsternis: Die Netzhaut kann verbrennen.“ Und Focus sagte am 17. März: „Drei Tage vor Sonnenfinsternis gehen die Brillen aus.“

Weitere Ängste ließen sich schüren, nahm man die Auswirkungen des offenbar geringeren Sonnenlichtes auf die Stromversorgung unter die Lupe. „Droht Deutschland ein Blackout?“, fragte die FAZ am 15. März. Die Süddeutsche sprach am gleichen Tag sogar von einem „Ernstfall“. Waren die Netzbetreiber vorher wirklich ganz nervös (Westfalen-Blatt vom 18. März 2015) oder eigentlich gut vorbereitet?

Verwirrung, Unsicherheit Panik, doch zum Glück dient uns das Internet heute auch zuweilen als schnelle und recht zuverlässige Recherche- und Wissensquelle. So erläutern zahlreiche Seiten mit Hilfe toller Animationen, was eigentlich am Himmel passiert, und über professionell bereitgestellte Live-Streams konnte man die Sonnenfinsternis hautnah und ohne Gefahr für Leib und Leben verfolgen. Das war toll, denn der Himmel über Ostwestfalen war letztendlich mystisch vernebelt.

Nun ist es wieder etwas heller geworden; die Sofi 2015 ist Vergangenheit. Niemand ist erblindet. Alle Rechner sind reibungslos durch den Vormittag gelaufen. Die Hunde – einer davon ein echtes Sonnenfinsterkind von Geburt an (11. August 1999) – waren wie immer.

Wenn die nächste Sofi ansteht – sei es 2022 (partiell) oder 2081 (total) – dann wäre es schön, wenn wir uns ein bisschen an unser Verhalten in Kindertagen erinnern, wo unser soziales Netzwerk „draußen“ hieß, wir von Stromausfällen und astronomischen Ereignissen manchmal gar nichts mitbekommen und uns so auch nicht verrückt gemacht haben, wo uns unsere Lehrer und Eltern mit selbst gebastelten Modellen aus Tischtennisbällen das Planetensystem erklärten und wir ganz oft in die Sonne blinzelten und instinktiv wegschauten, wenn es unangenehm wurde. Internet und Social Media könnten fernab jeder Panikmache trotzdem einen wertvollen Beitrag leisten und mit all ihren Möglichkeiten zu Besonnenheit und Aufklärung beitragen, um die Faszination für solche Ereignisse zu wecken und die Dimension der Erde im Universum einzuordnen – für einen verantwortungsvollen und nicht überzogenen Umgang mit Sonne und Erde.

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