Wenn Schwächen Stärken sind

Kennen Sie das auch? An manchen Tagen fallen einem nur die eigenen Schwächen ein. Das, was gut läuft oder lief, kommt einem nicht in den Sinn. Müsste man ein Vorstellungsgespräch führen, bräuchte man erst gar nicht anzutreten.

© Thomas Reimer

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Beruflich wie privat besinnen wir uns zunächst auf unsere Schwächen, statt unsere Stärken in den Fokus zu stellen. Vermutlich erkennen wir unsere Stärken nicht oder interpretieren sie als Schwäche. Dabei kann eine vermeintliche Schwäche durchaus eine Stärke sein. So zum Beispiel ein gewisser Hang zum Perfektionismus, was ja nichts anderes heißt, als ordentlich, gewissenhaft und penibel zu arbeiten. Ein Handwerker, der so arbeitet, wird sich vor Aufträgen nicht retten können.

Wer gut zuhören kann, wird dies nicht als Stärke empfinden, da für ihn diese Fähigkeit selbstverständlich ist. Trotzdem ist es eine Stärke, die nicht zu unterschätzen ist. Wer dem Kunden gut zuhören kann, erkennt seinen Bedarf und kann auf die Wünsche eingehen. Auch in der Kommunikation ist es vorteilhaft, nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern tiefer zu schürfen. Aber dazu muss man zuhören können.

Die Beispiele zeigen, dass vieles, was wir nur allzu fahrlässig als Schwäche ausmachen, doch aus einem falschen Rollenverständnis oder aus der Annahme resultiert, alles können zu müssen. Dabei muss keiner jede Rolle ausfüllen können. Der Komiker wird sich auch nicht um die Hauptrolle in einer Tragödie bewerben, es sei denn, er wäre ein Multitalent. Und es geht auch nicht darum, alles zu können, sondern seine Fähigkeiten dort zu entfalten, wo sie gebraucht werden.

Es lohnt sich also, bei Stärken & Schwächen-Analysen im privaten wie im beruflichen Umfeld genau hinzusehen. Manche Schwäche bedarf oft nur einer kleinen Korrektur, um sie als Stärke zu positionieren. Oftmals ist sie gar keine, sondern eine bisher wenig genutzte Fähigkeit, die es verdient, gezielter und erfolgversprechender eingesetzt zu werden.

Folgen wir also nicht dem allgemeinen Rollenverständnis, sondern gönnen uns den Freiraum, nicht sofort im Sinne von falsch oder richtig zu urteilen. Schließlich könnte die Stärke „hohe Eigeninitiative“ auch die Schwäche „mangelnde Teamfähigkeit“ bedeuten. Jedes Ding hat bekanntlich zwei Seiten und jeder Mensch meistens Ecken und Kanten. Und das ist gut so. Denn wie langweilig wäre es, wenn Kollegen, Freunde und Geschäftspartner alle glatt gebügelt wären? Es hätte nur den Vorteil, dass sich Stärken und Schwächen nicht mehr erforschen ließen.

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