Wenn Worte ihre Sprache wären … Was wir von der Kommunikation mit Hunden lernen können

„War is what happens when language fails”, sagte die englische Schriftstellerin Margaret Atwood. Etwas humorvoller drückte es der österreichische Kabarettist Helfried aus: “Streit entsteht immer dann, wenn ein Mensch zu einem anderen etwas sagt!“ Wenn Menschen miteinander kommunizieren, scheint es immer weniger um Verständigung zu gehen. 940.000 Google-Ergebnisse für „Kommunikationstraining“ dokumentieren Verbesserungsbedarf.

Eine ganze Reihe Kommunikationstrainer kennt die Suchmaschine jedoch nicht. Ich lebe mit einem unter einem Dach. Mein „personal coach“ ist weiblich und blond. Sie heißt Emma und ist ein Hund. Lernen von einem Hund? Ausgerechnet! Wo doch zwischen Mensch und Hund oft noch mehr Missverständnisse im Raum schweben! Reduziert sich die Mensch-Hund-Kommunikation nicht sowieso nur auf eine „Sitz-Platz-Fuß-Dressur“: der Hund tut, was der Mensch sagt? Der Hund hat doch nicht einmal Worte für das, was er uns mitteilen will!

Genau deswegen! In sechs Jahren habe ich viel von Emma gelernt. Jeden Tag führt sie mir die Bedeutung der direkten Kommunikation vor Augen – meistens dann, wenn Dinge aus dem Ruder laufen und Verständigung wichtig ist – Auge in Auge, wo der Körper mitspricht, Lob und Kritik angemessen geäußert und angenommen werden müssen, ohne dass Informationen manipuliert oder verkompliziert werden.

Der Hund scheint uns wortorientierten Menschen die Gründe für viele Missverständnisse deutlich vorzuführen. So liegt es zum Beispiel oft daran, dass wir mehrdeutig und indirekt sind. Der eine sagt „Platz“, der nächste „Down“. Einer ruft „Komm“ und signalisiert mit seinem Körper „Bleib“. Ein anderer spricht das „Nein“ im gleichen Tonfall aus wie „Fein“ – ein für den Hund höchst verwirrendes Ratespiel, das er nur gewinnen kann, wenn auch wir mehr auf Körpersprache und Tonfall achten. Hunde fordern von uns wortorientierten Menschen Eindeutigkeit ein. Das lohnt offenbar auch für die zwischenmenschliche Kommunikation: „Innerhalb von Sekunden machen sich Menschen ein Bild ihres Gegenübers. (…) Einer Studie zufolge erzielt man bei einer Rede mit Körpersprache am meisten Eindruck (55 %). Die Stimme erreicht 38 % und der Inhalt nur 7 %.“ (1)

Schnelligkeit spielt in der Kommunikation eine herausragende Rolle. Mit dem Einzug der Online-Medien steigert sie sich. Eben noch einen Tweed oder Post abgesetzt – und schon empört sich die Internetgemeinde, weil man auf die Schnelle Rechtschreibfehler macht, nicht die punktgenaue Formulierung findet oder den richtigen Ton trifft. Während der Hund stets präzise bleibt, neigt der Mensch dazu, oberflächlich zu werden, wenn‘s hektisch wird. Eine wichtige Erkenntnis für uns, denn was gesagt ist, ist gesagt. Nur selten gibt es ein Zurück. Auch Lautstärke und Wiederholung helfen nicht, um Nachrichten zu untermauern oder zu widerlegen. Mit lautem Schreien und vielen Wiederholungen mache ich mich bei meinem Hund eher zur nicht ernst zu nehmenden Nervensäge, bei einem Mitmenschen im besten Fall einfach nur unbeliebt.

Wenn wir unseren Hunden zusehen, erkennen wir noch etwas, das uns in einer Zeit voller Hektik und Stress für die Kommunikation abhanden gekommen zu sein scheint. Hunde leben im Hier und Jetzt. Wenn etwas ihr Interesse gewonnen hat, sind sie gedanklich ganz dabei, mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit und ihrem Bewusstsein – ganz zu schweigen von ihrer Gabe, die Verfassung des Gegenübers wahrzunehmen. Das können wir von ihnen lernen: präsent sein in der Kommunikation, richtig lesen, genau zuhören.

Hunde sind aber auch als Sender gute Lehrer. Wer vorwiegend nonverbal kommuniziert, ist ehrlich, weil er sich nur begrenzt bewusst kontrollieren kann. Diese Ehrlichkeit fordert uns: „Stets ehrlich bei dem, was er sagt und tut, geht der Hund davon aus, dass auch alle anderen um ihn herum ebenfalls immer ehrlich sind.“ (2)

Ehrlichkeit in der Kommunikation ist für den Hund nicht mit Worten zu belegen. Lediglich Taten überzeugen ihn. Mit ihnen können wir beweisen, dass wir es ernst meinen, dass auf uns Verlass ist. Sie machen auch die vertrauensvolle menschlichen Beziehung aus. Nicht umsonst heißt es in der PR noch immer: „Tue Gutes und rede darüber!“ Den Worten müssen Taten vorausgehen oder zumindest folgen. Wer immer nur redet, macht sich unglaubwürdig. Erst Taten liefern Content.

Tiere mögen einfacher gestrickt sein als wir Menschen. Dennoch muss der Blick auf ihre relativ simplen Kommunikationsmöglichkeiten keinen Rückschritt bedeuten. Wenn ein Tier so eng mit dem Menschen zusammenlebt wie mancher Hund, kann das durchaus auch eine Bereicherung für das menschliche Miteinander sein. Worte sind wichtig, aber eben längst nicht alles.

(1) http://www.wirtschaft-regional.net/unternehmen/item/32050
(2) Suzanne Clothier: „Würde das Gebet eines Hundes erhört … Es würde Knochen vom Himmel regnen“, Bernau 2004, Seite 119-136

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