Wer hat eigentlich noch Lust auf Weihnachten? Oder: Früher war mehr Lametta

Große Ereignisse werfen ihre Schatten bekanntlich voraus. Und Weihnachten ist ein Event, für das die Vorbereitungen nie früh genug beginnen können. Anfang August musste ich sprachlos diesem Monolog folgen: „Hast Du schon Weihnachtsgeschenke?“ Doch bevor ich „Weihnachten, wieso Weihnachten“ stammeln konnte, begriff ich, dass dies nur eine rhetorische Frage war. Vielmehr ging es darum, diesen schrecklichen Weihnachtsstress und damit verbunden die Jagd nach den passenden Weihnachtsgeschenken bei 28° C im Schatten, Vogelgezwitscher und üppig blühendem Hibiskus sozusagen jahreszeiten-übergreifend zu entzerren. „In diesem Jahr hatte ich einfach noch gar keine Zeit, mir Gedanken über Weihnachtsgeschenke zu machen“, plapperte mein Gegenüber munter weiter. Eigentlich tragisch, dachte ich. Aber gerade, als ich mein tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen wollte, setzte sich der Wortschwall der Lehrersgattin fort: „Sonst habe ich immer schon alle Geschenke im Februar, spätestens im März. In diesem Jahr weiß ich gar nicht, wie ich das alles noch schaffen soll.“ Ein tiefer Seufzer und ein staatstragender Gesichtsausdruck untermauerten die Weihnachtstragik im August. „Nur noch fünf Monate bis Weihnachten, und du hast doch tatsächlich noch keine Spur von Weihnachtstress“, mahnte mein durch die Lehrersgattin angestacheltes schlechtes Gewissen.

Einige Monate später, als ich an einem warmen Herbsttag meinen Wocheneinkauf absolvierte, packte mich das blanke Entsetzen erneut. Dominosteine schmolzen in den Supermarktregalen und Nikoläuse ließen traurig ihre Köpfe hängen als wollten sie mir sagen: “Keine Lust auf Weihnachten!“ Wieso das nicht? Es geht doch schließlich nach der Philosophie der Lehrersgattin um Entzerrung. Der Stress wird weniger, wenn man nur früh genug damit anfängt. Als meine Augen schließlich Ende Oktober bei über 20° C von funkelndem Christbaumschmuck in Schaufenstern geblendet wurden, da wusste ich, dass es auch in den Geschäften einer beschaulichen ostwestfälischen Kleinstadt nur um die wortreich argumentierte Entzerrung der weitsichtigen Lehrersgattin gehen konnte. Wenn die Geschäfte den Kunden genau dort abholen, wo der Weihnachtsstress noch nicht begonnen hat, ist das auch Customer-Relationship-Management. Das Kundenbeziehungsmanagement-Instrument hat offensichtlich herausgefunden, dass der Kunde sich wohler fühlt, wenn der Stress länger dauert. Oder anders ausgedrückt: Noch bevor die Weihnachtskrise losgeht, will jeder seine latent gestressten Kunden halten – und es gibt ja bekanntlich viele Lehrersgattinnen und Nachhaltikeits-Esotheriker/innen, lange bevor es an die Gewinnung der stark infizierten Neukunden unmittelbar vor dem großen Fest geht.

Jetzt tönen schon die Glocken, die nie süßer klangen, aus den Lautsprechern und treiben nicht nur das Verkaufspersonal, sondern auch mich in den Weihnachtswahnsinn. Mich? Sollte das schlechte Gewissen jetzt doch endlich sein Ziel erreicht haben, Spuren von Weihnachtsstress zu hinterlassen? Wir haben Dezember und es sind nur noch wenige Tage bis zum großen Event. Das wäre doch nur normal, sozusagen eine dem Fest angemessene Reaktion. Und selbst die Menschen verkleiden sich schon festlich – nach dem Event ist schon bald Karneval. Als ich in Gedanken versunken mit meinem Hund aus dem Wald kam, sah ich eben eine solche festlich verkleidete Dame. Zunächst wirkte der lange Mantel mit seinen Stickmotiven aus den 80er Jahren stilistisch eher hilflos denn en vogue. Als ich mich jedoch näherte, erkannte ich, dass die Stickmotive am Saum des Mantels Weihnachtsbäume und Girlanden waren. Na Bravo, dachte ich, Stil aus, Weihnachten an, schließlich kann man ja nie früh genug anfangen.

Zeit, endlich mal wieder an früher zu denken: Ja klar, da war auch mehr Lametta, aber da war vor allem mehr Stimmung, vermutlich weil die Entzerrung noch nicht Weihnachtslust in Weihnachtsfrust verkehrt hatte. Eine Vorsaison gab es nicht, so dass Weihnachtsmärkte erst in der Adventszeit begannen. Es duftete nach Äpfeln, Mandeln, Nüssen und Lebkuchen. Festlich geschmückte Straßen bestimmten das Bild der Städte. In den Auslagen der Geschäfte glänzte und funkelte es, so dass es Spaß machte, nach den Geschenken Ausschau zu halten. Weihnachtsmärkte verzauberten, weil es weit mehr zu entdecken gab als Bratwurst- und Glühweinbuden. Irgendwie stimmte die Inszenierung vor dem großen Event. Das Arrangement passte in die Zeit und versetze mich in eine fröhliche Spannung. Schon längst den Kinderschuhen entwachsen, möglicherweise aber nicht mehr jugendlich genug für Weihnachtsgefühle, begann ich in meiner Studentenbude bei Kerzenschein, Christstollen und Glühwein, meinen Wunschzettel zu schreiben. Der war meistens lang, zu lang, so dass ich erstmals zu Nikolaus testete, ob sich das Wünsche-Aufschreiben wirklich lohnen könnte. Am Nikolausabend stellte ich meinen Stiefel auf den Balkon und hoffte am nächsten Tag, darin etwas zu finden. Das ging meist schief, was mich jedoch nicht davon abhielt, meinen nochmals redigierten und damit wesentlich bescheideneren Wunschzettel beim nächsten Heimatbesuch ganz zufällig dort zu deponieren, wo meine Eltern ihn zwangsläufig finden mussten. Und tatsächlich klappte es zu Weihnachten besser als zu Nikolaus, denn da waren ja meine Eltern, die gern in die Rolle des Christkindes schlüpften, so dass meine Begeisterung für den Event des Jahres auch mit zunehmendem Alter nie abnahm. Adventskranz, Weihnachtsbaum, schlesische Weißwürstchen mit Kartoffelsalat zu Heilig Abend, Bescherung und ein festlich gedeckter Tisch zu Weihnachten, die Vorbereitungen für ein leckeres Menü – das alles gehört für mich heute immer noch dazu, wenn wieder Weihnachten ist.

Die Rückblende beruhigt und gibt dem schlechten Gewissen nur wenige Ansatzpunkte, um in die allgemeine Weihnachtshektik zu verfallen. Weihnachten war früher super und bleibt für mich ein tolles Fest. Schlecht gelaunte Weihnachtspaniker und Konsumneurotiker, die kurz vor dem Amoklauf stehen, weil sie eine massive Verknappung an Lebensmitteln und sonstigen Konsumgütern zu verspüren scheinen, lassen sich zwar nicht vermeiden, aber geben manchen Anlass zum Schmunzeln. Auch die Lehrersgattin durchlebt in diesen Tagen die Psychohölle. Der im Februar geplante Weihnachtseinkauf muss jetzt nachgeholt werden. Das ist nicht ganz einfach, denn im Lauf der stressigen Monate hat sie stressbedingt vergessen, was sie dem Gatten, den Kindern und Enkeln schenken wollte. Mir erwidert sie völlig entnervt: „Dass Du jetzt Zeit hast, Plätzchen zu backen.“ „Wann sonst“, frage ich sie, „wohl kaum im März als Pre-Seasonal-Reminder. Du solltest es übrigens auch mal mit der Weihnachtsbäckerei probieren. Das baut Stress ab, ist kreativ und erfreut ganz nebenbei den Gaumen.“ Entgeistert, als hätte ihr Knecht Ruprecht mit dem Straflager gedroht, haucht sie einen knappen Gruß und entschwindet von meiner Fröhlichkeit angewidert in der Masse der Weihnachtsneurotiker.

Eine Woche vor Weihnachten klingelt das Telefon hektisch. Die Lehrersgattin meldet sich. „Frohe Weihnachten“, schallt es aus dem Telefon. „Frohe Weihnachten, wieso, ist doch noch lange hin“, entgegne ich völlig konsterniert. Die Lehrersgattin: „ Ach ja, aber wir sind zu Weihnachten bei den Kindern eingeladen. Heilig Abend bei meiner Tochter und den Enkeln, am 1. Weihnachtstag bei meinem Sohn, und am 2. Weihnachtstag feiern wir bei Freunden. Das entzerrt meinen Stress ein wenig. So brauchen wir nicht einzukaufen und zu kochen. (Wenn sie die Wir-Form gebraucht, meint sie ihren Ehemann.) Dann kann ich endlich auch mal entspannen und mich verwöhnen lassen. Nach dem Stress der letzten Monate und Wochen. Und zu Silvester fahren wir nach München zu meiner Freundin und genießen dort noch einmal unsere letzten Weihnachtsferien.“ Dazu muss man wissen, dass der Gatte kurz vor der Pensionierung steht und seine Gattin nun annimmt, dass das süße Leben bald vorbei ist. Die letzten Weihnachtsferien – welch eine Tragik! Ich wünsche artig frohe Weihnachten, einen guten Rutsch und viel Durchhaltevermögen für die schwierige Zeit ohne Ferien. Meine letzten tröstenden Worte: „Dann freu‘ dich auf Ostern, wohl die letzten Ferien, in denen Du dann Deine Weihnachtsgeschenke noch irgendwie fristgerecht besorgen kannst.“ In ihrer Aufbruchsstimmung muss sie diese wohlmeinenden Worte wohl überhört haben. Ich höre noch: „Mach’s gut, wenn’s 2013 mal wieder etwas ruhiger wird, dann melde ich mich“, dann tut, tut…, so dass mein Abschiedsgruß keine Chance hat, die Leitung zu passieren.

Schade, dass Weihnachten nur noch Assoziationen wie Stress, Konsumrausch, Perfektionismus und hochgesteckte Erwartungen hervorruft. Dazu gehören komplizierte Weihnachtsmenüs à la Ducasse auch für die unbegabtesten Köche/Köchinnen, deren Zutatenliste eine niemals enden wollende Einkaufs-Odyssee heraufbeschwört, ganz zu schweigen von der Zubereitung, bei der der Nervous Breakdown vorprogrammiert ist. Als Tüpfelchen auf dem i sorgen schließlich die mehr oder weniger teuren, praktischen oder sonst wie gearteten Geschenke für Weihnachtsfrust. Dabei ist Weihnachten ein fröhliches Fest, da darf auch mal improvisiert und sogar gelacht werden. Hauptsache genießen, ein wenig ausspannen und sich all den Dingen hingeben, die Spaß machen. Ostern kommt früh genug. Die obligatorischen Tulpen zum Fest – übrigens eine kleine Aufmerksamkeit der Lehrersgattin – zeigen, wo es lang geht: mit Überschallgeschwindigkeit durch das Jahr. Deswegen genieße ich Weihnachten, altmodisch, spießig oder was immer man dazu sagen will. Aber es ist schön! Einmal im Jahr keine wuseligen Lehrersgattinnen, keine Hektik, kein überbordender Mailaccount, sondern Ruhe: mit Büchern, Musik, einem leckeren Essen, einem guten Wein und einem Schuss Märchenherrlichkeit. All das reicht, um Träume der Kinderzeit wieder lebendig werden zu lassen.

Der „Bremsweg“ des alten Jahres ist 2012 großzügig bemessen. Deswegen ist der Luxus, keinen Endspurt einlegen zu müssen, sondern ganz gelassen den Übergang in die nächste Jahres-Runde zu finden, greifbar. Wir wünschen entspannte und fröhliche Weihnachten und einen guten Start in die neue Jahres-Runde.

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