Wohnen & Einrichten: Spektakel vs. Vereinfachung

Schicke Villa: Treny einrichten kein Problem Foto: MSWW

Schicke Villa: Trendy einrichten kein Problem. Foto: MSWW

Wir leben in Deutschland ja irgendwie auf einer Insel der Glückseligen. Groß, größer, am größten heißt es vor allem, wenn es ums Wohnen geht. Das fängt bei den Quadratmetern einer Wohnung an und hört bei der Einrichtung auf: mit riesigen Küchen, gigantischen Regal- und Schranksystemen, Quadratmeter schluckenden Polsterinseln und Kolossen von Boxspring-Betten. Klar, da müssen mindestens 100 Quadratmeter zur Verfügung stehen, um sich trendy einzurichten. Ist das wirklich so?

Ich glaube nicht. Es ist einfach nur viel schwieriger, mit weniger Quadratmetern ein stimmiges Einrichtungskonzept zu schmieden. Denn dort, wo jeder Zentimeter zählt, ist Kreativität gefragt. Da rauft man sich die Haare, um einen Abstellraum zu schaffen, der erstens praktisch ist und zweitens nicht auffällt. Da grübelt man, wo der Platz für einen Schuhschrank ist, ohne sich gleich alle Wände mit mehr oder weniger schönen Schrankexemplaren zustellen zu müssen. Und es gelingt! Das ist zumindest meine eigene Erfahrung.

Käseglocken-Eigenheim: Knappes Platzangebot fordert Reduktion.Foto: MSWW

Käseglocken-Eigenheim: Knappes Platzangebot fordert Reduktion. Foto: MSWW

Aber es geht eigentlich um mehr. Es geht darum, dass Architekten in Zeiten immer knapper werdenden Wohnraums vor allen in den Ballungszentren darüber nachdenken müssen, dass weniger mehr ist. Möbelhersteller, Hausgeräte- und Unterhaltungselektronik-Industrie sollten sich mal die Frage stellen, ob ihre superschicken Monsterentwürfe eigentlich noch den Zeitgeist treffen. Ob der Kühlschrank wirklich mit uns kommunizieren muss oder ob es zwischen totaler Vernetzung und bühnenreifen Wohnraumarrangements noch etwas gibt, was uns in Zeiten immer teurer werdenden Wohnraums wirklich nach vorne bringt. Nicht zuletzt die Hochglanz-Gazetten, die mit aufwendigen Bilderstrecken dem Betrachter vorgaukeln, dass nur Größe hipp aussieht, dürften sich gerne mal an der Realität orientieren: Da geht es doch in der Mehrheit um Käseglocken-Eigenheime oder 08/15- Eigentumswohnungen, ganz zu schweigen von Mietwohnungen, die auch chic eingerichtet werden wollen.

Ich finde es hervorragend, dass die ZOW sich mit Trends zwischen „on“ und „off“ beschäftigt, dass Leichtbau, Light & Function sowie die vernetzte Küche im Fokus stehen, aber: Wo bleiben die Antworten auf Fragen, wie viel Platz ein Mensch, damit meine ich einen Normalverdiener, heute braucht und – noch viel interessanter – morgen brauchen wird, um schön und vernünftig zu wohnen? Ja, Vernunft gehört meines Erachtens auch dazu. Der Blick nach London macht es deutlich. Dort entstehen innovative Wohnungsbaukonzepte, die sich an der Realität eines nicht mehr zu bezahlenden Wohnraums orientieren. Der Artikel von Julia Röhr mit dem Titel „38 Quadratmeter sind genug“ auf faz.net ist wirklich lesenswert.

Von horrenden Immobilienpreisen sind auch deutsche Großstädte betroffen, Berlin und München sind sicherlich nur die prominentesten Beispiele. Da wäre es doch super, wenn alle diejenigen, die sich mit dem Thema Wohnen und Einrichten befassen, inklusive der einschlägigen Branchenmessen, mal den Gedanken der Reduktion aufgriffen. Sicherlich nicht einfach, aber es macht doch Spaß zu tüfteln, jeden Zentimeter unter die Lupe zu nehmen und mit den „quadratisch, praktisch und guten“ Lösungen der Möbel- und Zulieferindustrie zu arbeiten. Die „radikale Vereinfachung“, von der auf faz.net die Rede ist, kann spektakulärer ausfallen als hübsch anzuschauender Gigantismus, den sich nur wenige leisten können. An Konzepten, mit Wohnraum „en miniature“ zu planen und diesen dann mit den entsprechenden Möbeln und intelligenter, aber bezahlbarer Technik auszustatten, wird auf kurz oder lang kein Weg vorbeiführen.

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