Wort des Jahres 2015: Flüchtlinge

© RioPatuca Images - Fotolia.com

© RioPatuca Images – Fotolia.com

Die Gesellschaft für deutsche Sprache entschied am 11. Dezember 2015: Aus 2.500 Belegen wählte die verantwortliche Jury, die aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie deren wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besteht, das Wort „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres. Die Begründung liest sich wie folgt:

„Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, sind dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden, sondern haben den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet.

Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern ist auch sprachlich interessant. Gebildet aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling (›Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist‹), klingt Flüchtling für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig: Analoge Bildungen wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling sind negativ konnotiert, andere wie Prüfling, Lehrling, Findling, Sträfling oder Schützling haben eine deutlich passive Komponente. Neuerdings ist daher öfters alternativ von Geflüchteten die Rede. Ob sich dieser Ausdruck im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.“

Jetzt heißt es: tief durchatmen. Die Wahl des Wortes des Jahres muss fraglos kritiklos bleiben. Es umfasst vermutlich wie kein anderes ein geopolitisches Desaster unbekannter Größe. Neben all den Hintergründen, neben allem politischen Geplänkel, neben den mehr als 800 Übergriffen auf provisorische Unterbringungen, neben dem bürokratischen Chaos steht letztlich ein millionenfaches, ja unermessliches Leiden.

Wie sehr das Wort „Flüchtlinge“ unseren Alltag prägt, zeigt auch die Platzierung weiterer Begriffe unter den Top Ten der Auswahl. „Je suis Charlie“ auf Platz 2 zeigt ebenso Zusammenhang mit den Geflüchteten wie der Kanzlerinnen-Spruch „Wir schaffen das!“ (Platz 10). Das einzige Verb auf der Liste heißt „durchwinken“, das für den Vorwurf steht, dass einige EU-Mitgliedsstaaten, unter anderem Österreich, Zehntausende von Flüchtlingen ungehindert und unregistriert in andere Staaten, vor allem nach Deutschland, weiterreisen lassen.

Wie klein, wie unwichtig wirken daneben die vielen anderen Sorgen, die mit signifikanten Ausdrücken zur Wahl standen. „Grexit“ (Platz 3) als Teil der Eurokrise oder „Sektorenliste“ als für den NSA-Ausschuss nicht einsehbare Quelle (Platz 4) charakterisieren die Schwächen unserer Zeit, wie auch die Begriffe „Mogel-Motor“ (Platz 5) und „Schummel WM“ (Platz 8).

Mehr an den Kampf über Lufthoheit über den Stammtischen erinnern dann schon die beiden letzten Begriffe der Top-Ten-Liste „Selfie-Stab“ (Platz 7) und „Flexitarier“ (Platz 9). Ja, auch mit solchen Nebenkriegsschauplätzen lassen sich wahre Probleme verdrängen.

Vielleicht hilft die diesjährige Wahl zum Wort des Jahres, einzuhalten, nachzudenken und zu relativieren. Wir brauchen keine Weihnachtshektik, keine Schnäppchenjagd, keine Geschenkpanik. Vielleicht brauchen wir wirklich das Wort des Jahres „Flüchtlinge“, um uns selber wieder ernst zu nehmen.

Veröffentlicht unter Sprache | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.