„Zu Hause ist da, wo deine Freunde sind“

© Rawpixel - Fotolia.com

… singen Adel Tawil feat. Matisyahu und meinen damit, dass wir uns in der realen Welt dort am wohlsten fühlen, wo die Menschen sind, die uns vertraut sind. In der digitalen Welt ist es genauso: Auch hier tummeln wir uns bevorzugt auf den Plattformen, wo sich Bekannte, Verwandte, Kollegen und Freunde austauschen.

890 Millionen Nutzer bewegen sich weltweit täglich auf Facebook; selbst Eltern- und Ureltern drängen verstärkt in das Netzwerk1. Neue Plattformen haben es selbst dann schwer, wenn sich – wie gerade jetzt – die Klagen über mangelnden Datenschutz und Werbeflut häufen. Hinein in eine fremde Welt, das wagt kaum jemand; es ist ja auch bequem, wenn man es sich erst mal irgendwo gemütlich gemacht hat. Und ganz verzichten auf social networks? Nein – der einstündige Serverausfall in dieser Woche gab einen kleinen Vorgeschmack – das kommt für die meisten Facebook-Nutzer wohl auch überhaupt nicht mehr in Frage.

Aber wo kann jemand hingehen, der die Trägheit überwinden und Facebook verlassen will?

Hello Ello?

Ello verspricht, „the better way“ und „the social network you have been waiting for“ zu sein, und wirbt mit dem Slogan „simple, beautiful and ad-free“. Anfang Oktober 2014 schlug ich den Weg zum Beta-User ein. Dann dauerte es fast sieben Wochen, bis die erste Einladung ins Haus flatterte, die es ermöglichte, einen Account zu eröffnen.

Der unbekannte Gastgeber, „Ello Co-Founder und CEO“, stellte sich als mein erster Freund vor. Die meisten Leute, die sich dort tummeln, sind Amerikaner. Und nach dem Durchforsten der ersten vom „american lifestyle“ geprägten Posts (bei Ello ist alles öffentlich) habe ich genug und suche den Logout-Button.

Dann doch noch ein Versuch nach schmackhafter Anleitung2 und Motivation3. Die Argumente setzen die Schwächen von Facebook außer Kraft: keine Datensammlung, werbefrei, keine zensierte Timeline. Jedoch eignet sich Ello nicht für den direkten Vergleich mit der Zuckerbergschen Plattform. Es ist eher ein (Micro-)Blogdienst, der dazu animiert, Leute kennen zu lernen, die man im realen Leben eben noch nicht kennt, und es ist etwas für Leute, die gern selbst aktiv werden.

Dennoch fehlt es mir (noch) an Lokalkolorit, der Muttersprache und eben den Freunden. Aber vielleicht brauchen wir auch nur Geduld und wir dürfen die Erwartungen, die wir mit Facebook verbinden, nicht auf anderes übertragen.

Wenn immer mehr Leute Ello für sich entdecken, könnte das vielleicht irgendwann eine deutliche Kampfansage an die Plattformen sein, die es mit dem Datenschutz nicht so genau nehmen und sich über Werbung finanzieren. Das bedeutet: Wir zahlen lieber ein bisschen was, damit wir eine Plattform mit nützlichen Features nutzen können, ohne ständig getrackt und beworben zu werden. Dabei kommt es auch darauf an, wer von den Kontakten mit geht, um den Netzwerkgedanken von Ello oder auch anderen vielversprechenden Ansätzen zu beleben.

Das Fazit: Facebook profitiert von unserer Trägheit, der Trägheit zum Wechseln, der Trägheit zum Auseinandersetzen mit den Regeln, der Trägheit zum Löschen unserer Accounts. Das erste ist ein Massenproblem (wenn einer wechselt, müssen auch Freunde mitgehen), das zweite ist ein persönliches Problem (jeder sollte sich regelmäßig die Regeln anschauen und die persönlichen Einstellungen anpassen), das dritte ist wahrscheinlich ein Problem mangelnder Konsequenz. Es ließe sich möglicherweise so lösen, wie es ein Kneiper mit einem Schild vor seinem Lokal vorschlägt: „Wir haben kein WLAN. Unterhaltet Euch!“ Und dann fühlt man sich auch ganz schnell wieder unter Freunden wie zu Hause.

1 http://www.basicthinking.de/blog/2015/01/14/nicht-mehr-nur-die-eltern-nun-auch-oma-und-opa-die-silver-generation-erobert-facebook/?utm_content=bufferd1793&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer
2 http://socialmediawatchblog.org/ello-tipps-zum-einstieg/
3 http://www.netzwoche.ch/News/2014/10/06/Ello—das-neue-Social-Network-mit-Bart-und-Tattoo.aspx?pa=5

Veröffentlicht unter Internet, Kommunikation, Social Media | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.