Zwischen Selbstdarstellung und Geheimhaltungshysterie – Über den eigenen Umgang mit den persönlichen Daten

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Unglaublich, was ich im Sprachkurs schon gelernt habe. Das Zertifikat verdeutlicht: Ich kann in einer fremden Sprache sagen, wie ich heiße, wo ich geboren bin, wo und wie ich wohne, ich kann von einer Reise erzählen, über das Leben reden, in der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft, Gewohnheiten, Umstände und Situationen beschreiben, über die Mediennutzung sprechen. Das ist eine ganze Menge, sozusagen der Datensatz einer kompletten Identität. So formuliert fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Im Laufe der Lektionen habe ich mein ganzes Leben offen gelegt.

Nun kreist die aktuelle Datenschutzdiskussion aber vorwiegend nur über der digitalen Welt. Nur dort scheint uns das Problem mit der Preisgabe unserer persönlichen Daten wirklich zu beunruhigen. Darüber hinaus sind wir leider etwas nachlässiger. Würde uns die neu installierte App auf unserem Smartphone fragen, ob sie die Daten, die wir im Sprachunterricht so leichtfertig ausgeplaudert haben, verwenden darf, würden wir wahrscheinlich ablehnen. Auch auf Facebook halten sich viele zurück, diese Interna im Profil anzugeben.

Und im Sprachunterricht? Ursächlich dazu da, die Kommunikation zu verbessern, gehört die persönliche Vorstellung als Herzstück wie selbstverständlich dazu. Es sind die einfachen Sätze, die zunächst die Sprachfertigkeit schulen, anderen Kursteilnehmern aber genauso gut Name, Alter, Wohnort, Familienstand, Freunde, Beruf, Arbeitsort, bevorzugtes Urlaubsziel verraten – all das plaudert man auf Nachfrage einer Lehrerin oder im Rahmen einer Aufgabe gedankenlos aus.

Im Fortgeschrittenenkurs geht’s sogar noch detaillierter zu. In der Diskussion über die politischen Verhältnisse in Syrien, der Ukraine oder Nigeria erfahren die Kursteilnehmer sogar mehr über die politische oder religiöse Gesinnung. Oder der Lehrer fragt nach täglichen Gewohnheiten oder Aktivitäten am Wochenende. Am Ende bescheinigt immerhin ein Zertifikat schwarz auf weiß, was man alles „freigegeben“ hat. Fazit: So mancher Kursteilnehmer weiß am Ende mehr über mich als meine Freunde bei Facebook.

Sprachen lernen heißt auf der einen Seite Kommunikation verbessern, aber auch, sehr viel von seiner Identität preiszugeben. Sich für die Netiquette und den Umgang mit den persönlichen Daten in den sozialen Medien am realen Leben zu orientieren, macht da zunehmend weniger Sinn als möglicherweise umgekehrt.

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